Friedenslicht

Eine Flamme mit Auftrag

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Ein kleines Kerzenlicht – entzündet in Bethlehem, Palästina – rollt über die ganze Welt und wächst. Die Botschaft: Frieden. Kitschig? Nein, nötig!

Was wäre, wenn wir bei unserem unbekannten Nachbarn klingeln und ihm ein Kerzenlicht in die Hand drücken würden? Wenn wir dem Obdachlosen auf der Strasse nicht nur heissen Tee und Gipfeli, sondern zusätzlich eine wärmende Kerze hinstellten? Der Dame im Kopftuch, die wir missverstehen, lächelnd und wohlwollend eine brennende Kerze überreichten? Genau dann würde das Licht zum Friedenslicht. Zu einem Angebot.

Denn eine Kerze gibt nicht nur Wärme, sorgt für Wohlbehagen und Ruhe. Eine Kerze stiftet auch Nähe. Kein LED-Licht der Welt kann das. So was Banales wie Kerzenlicht schafft dabei so was Aussergewöhnliches wie die Vereinigung von Menschen.

Genau darum geht es bei der Idee des Friedenslichtes, welches vor über 30 Jahren vom Österreichischen Rundfunk ins Leben gerufen wurde. Zu diesem Zweck reiste 1986 zum ersten Mal ein Kind nach Palästina, um in der Geburtsgrotte von Jesus in Bethlehem ein Licht zu entzünden und es in einem geschützten, eigens konstruierten Lichtträger nach Österreich zu bringen, wo sich jeder ein weiteres anzünden konnte. Heute wird das Friedenslicht aus Bethlehem in die ganze Welt getragen und Menschen in Argentinien wie in Südafrika erhalten die Möglichkeit, an dieser Bewegung teilzunehmen, wenn ihre Delegation aus Wien zurückkehrt. Dennnoch immer ist es ein österreichisches Kind, das nach Bethlehem und zurück nach Wien reist, wo das Licht an die Friedenslichtdelegierten der teilnehmenden Länder weitergeschenkt wird. Seit 1993 schickt auch die Schweiz Kinder als Friedenslichtträger nach Wien. Dieses Jahr kommen sie aus Freiburg. Die Kinder, auch diejenigen, die innerhalb der Schweiz als Friedenslichtträger agieren, werden meist ausgewählt, weil sie besonders sozial engagiert sind.

Das Licht lebt vom Weitergeben

Die Aktion Friedenslicht in die Schweiz geholt hat das Ehepaar Walter und Vreni Stählin aus Regensdorf. «Uns faszinierte dieser weltumspannende Akt der Solidarität, der Menschen verbindet. Und zwar Menschen aller Religionen und Hautfarbe», so Walter Stählin. Dass das Licht aus einem Spannungsgebiet wie der palästinensischen Autonomiegebiete kommt, spricht nur für dessen Notwendigkeit. «Es zeigt ja auch, wie Mauern überwunden werden können», betont Vreni Stählin. Und Mauern gibt es in Bethlehem reichlich. Dramatische Geschichten sind im Geburtsort von Jesus omnipräsent. Auch die Initianten des Schweizer Friedenslichts waren schon einige Male in Bethlehem und können davon erzählen. Frieden in diesem Gebiet bleibt wohl erst ein-mal eine Utopie. Doch geht es bei dieser Bewegung insbesondere auch um den Frieden im Kleinen. Angefangen in der Familie, bei Nachbarn, Kollegen bis zum Kindergarten, Obdachlosenheim oder zum Asylanten-heim. Und so schrecken Walter und Vreni Stählin auch nicht davor zu-rück, das Friedenslicht in das Hochsicherheitsgefängnis in Regensdorf zu bringen. «Die Gefangenen haben sich unheimlich gefreut über die Aktion und die begleitende Feier», erinnert sich das Paar. «Allerdings haben die Sicherheitsleute wohl das brennende Kerzenlicht unterschätzt», schmunzelt Walter Stählin, «denn die wussten erst einmal gar nicht, was tun, da das Licht nicht gescannt werden konnte.» Der Sicherheitsbeauftragte – vielleicht angeregt vom friedvollen Auftrag des Lichts – winkte die beiden dann einfach durch.

Das Eintreffen in der Schweiz

Am 15. Dezember ist es wieder so weit. Dann kommt das Friedenslicht an den Hauptverteilungspunkten Zürich, Basel, Luzern und Freiburg an, wo es ab 17 Uhr weitergegeben wird. Die Übergabe ist eingebettet in ein feierliches Rahmenprogramm. Jeder kann seine Kerze dann zu einem Friedenslicht machen und das Licht seinerseits weitergeben. Und somit zum Friedenslichtbotschafter werden. Wer keine Kerze hat, kann vor Ort eine kaufen. Der Erlös geht an die Stiftung «Denk an mich», die auch dieses Jahr wieder das Patronat übernimmt und mit den Einnahmen beispielsweise Sommerlager für Menschen mit Behinderungen durchführt. Nach der Feier am 15. Dezember wird das Friedenslicht von verschiedenen Institutionen, Vereinen, Kirchen usw. in die Städte und Dörfer gebracht, wo einige bis zum 6. Januar brennen. Spätestens hier kann sich jeder sein Friedenslicht mit nach Hause nehmen. Endziel kann, aber sollte dabei nicht das Wohnzimmer sein. Weitergeben ausdrücklich erwünscht.

www.friedenslicht.ch

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