Als Europäerin ist die 55-Jährige auf diesem Niveau allein auf weiter Flur. Ein Blick hinter die Kulissen einer faszinierenden Kunstform. 

In sich gekehrt, beinahe mediativ, aber dennoch hoch konzentriert steht Denise Baumgartner vor ihrem Arbeitstisch. Auf dem Tisch ein grosses weisses Blatt Papier. In der Hand einen weichen Pinsel. Kein Ton stört die kontemplative Szenerie. Die Zeit scheint stillzustehen. Urplötzlich kommt Bewegung in die zierliche Frau. Denise Baumgartner taucht den Pinsel in den mit Tinte gefüllten Reibstein und erschafft in einer einzigen fliessenden Bewegung mit wenigen Strichen ein kleines Kunstwerk. Eine Schöpfung des Augenblicks, das in Minutenschnelles entsteht und nicht mehr verändert werden kann. 

«Bis die Tuschlinien auf dem Papier zu einem harmonischen Ganzen zusammenwachsen, kann es allerdings oft Wochen und unzählige Versuche dauern», sagt Baumgartner, die seit einigen Jahren in Zürich Kalligrafie-Kurse und -Workshops anbietet. «Es braucht in der Regel 100 bis 200 Versuche, bis die Proportionen auf dem Papier stimmen, eine interessante, aber natürlich wirkende Balance zwischen Weiss und Schwarz entsteht, die Striche zu ihrer Weichheit und Tiefe finden und dem Bild so die Lebendigkeit verleihen, die es für eine Kalligrafie braucht.» Tintentropfen, Falten im Papier oder ein verdrehter Pinsel seien hingegen Dinge, die man spontan ins Werk integrieren könne, so Baumgartner weiter.

Die Liebe zur japanischen Kultur entdeckte Denise Baumgartner bereits als junges Mädchen, Paul Ritter, der Urgrossvater der Kalligrafin, war von 1892 bis 1909 der erste diplomatische Vertreter der Schweiz im Land der aufgehenden Sonne. Sein Sohn, Denise Baumgartners Grossvater wuchs in Japan auf und heiratete später eine Japanerin. «Dank meiner Grossmutter habe ich mich schon früh für japanische Kunst und Kultur - insbesondere japanische Kalligrafie - interessiert», sagt die Mutter eines 13-jährigen Sohnes, die 1992 ein erstes Mal nach Japan ausgewandert ist, ein knappes Jahr später aber wieder in die Schweiz zurückgekehrt ist; mit der Absicht, später für längere Zeit wieder nach Japan zu gehen. Im Jahr 1996 sei es dann so weit gewesen, erzählt Baumgartner. «Ich habe meine gute Stelle in der Schweiz aufgegeben, zwei Koffer gepackt und bin mit einem Containerschiff nach Japan aufgebrochen.»

In den folgenden drei Jahren haben Baumgartner und ihr Mann in Kyoto intensiv Japanisch gelernt. «Anschliessend bekam mein Mann an der Uni Shizuoka eine Stelle als Dozent für deutsche Sprache, Literatur und Kultur», sagt Baumgartner. Sie selber habe sich intensiv der japanischen Kalligrafie (s. Kasten) gewidmet und jeden Tag mehrere Stunden kalligrafiert. Es folgten bald Einzelausstellungen in Tokyo, Shizuoka und Zürich sowie verschiedene Gruppenausstellungen. «Daneben habe ich auch Kalligrafie unterrichtet», erzählt Baumgartner, die während des gesamten Japan-Aufenthalts den Unterricht bei Kanei Mitsufuji, einem Schüler von Ryosetsu Imai, dem wohl berühmtesten Kalligrafen der Nachkriegszeit, besucht hat.