Kalender

Die geklaute Zeit

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Unser Kalender ist ein künstliches Konstrukt mit Fehlern, die regelmässig korrigiert werden müssen. Am 29. Februar 2020 ist es wieder so weit. Allerdings nicht überall.

Die Erde ist eine lahme Ente. Sie braucht 365 Tage, 5 Stunden 48 Minuten und 46 Sekunden, um die Sonne zu umkreisen. Sie hinkt unserem Kalender von 365 Tagen also hinterher. Wäre sie nur etwas schneller, bräuchten wir kein Schaltjahr und vieles wäre einfacher. Wir müssten nicht alle vier Jahre einen Tag mehr arbeiten oder in die Schule gehen. Doch alle Bestrebungen, die Erde zu beschleunigen, gehen nach hinten los. Durch das Schmelzen der Polkappen und dem damit einhergehenden Einfluss auf die Rotation und den Trägheitsmoment wird uns zukünftig sogar noch etwa eine Sekunde vom Tag geklaut. Die wird allerdings gleich wieder an die Nacht angehängt und somit automatisch korrigiert.

Korrekturchaos

Bei unserem Jahr sieht das anders aus. Hier muss künstlich korrigiert werden. Und das ist seit der Einführung des gregorianischen Kalenders recht gut gelöst. Runden wir die Differenz zwischen Sonnenumlaufzeit und Kalenderjahr auf 6 Std., müssen wir lediglich alle 4 Jahre einen Tag hinzufügen (4 × 6 Std. = 24 Stunden). Die durch das Aufrunden unterschlagenen 12 Minuten und 14 Sekunden müssen jedoch berücksichtigt werden. Daher wird gelegentlich ein Schaltjahr ausgelassen. Nun geht allerdings trotz des Korrekturmechanismus die Rechnung nicht ganz auf. Es bleibt eine Abweichung von etwa 27 Sekunden pro Jahr, etwa ein Tag alle 3236 Jahre. Aber damit müssen wir wohl leben.

Fast-Perfektion der Perser

Präziser als unser gregorianischer Kalender ist der Solar-Hijri-Kalender, der offizielle Kalender im Iran und in Afghanistan. Als genauestes Kalendersystem der Welt hat er ebenfalls Schaltjahre mit 366 Tagen. Allerdings wird die Verteilung der Schaltjahre nicht durch mathematische Regeln bestimmt, sondern mittels astronomischer Beobachtung und dem Zeitpunkt der Äquinoktien (Tag- und Nachtgleichen). Jahresbeginn ist die Frühlingstagundnachtgleiche (nach unserem Kalendersystem im März). Erst in über 100'000 Jahren würde theoretisch die Abweichung zwischen Kalenderjahr und dem durchschnittlichen Jahr zu einem Tag anwachsen. Schaltmonate statt Schaltjahre haben der jüdische und chinesische Kalender. Hinduistische Kalender nutzen teilweise zum Korrigieren sogar beides, Schalttage und -monate. Und im islamischen Kalender wird alle 2 bis 3 Jahre ein Tag dem letzten Monat hinzugefügt. Ähnlichkeit bzgl. des 4-Jahres-Rhythmus herrscht zwischen dem äthiopischen und unserem gregorianischen Kalender. Darüber hinaus besteht der äthiopische allerdings aus 13 Monaten, wobei die ersten 12 Monate jeweils 30 Tage haben. Der 13. Monat hat nur 5 Tage bzw. 6 Tage im Schaltjahr. Neujahr ist am 11. September. Und der äthiopische Kalender läuft dem gregorianischen Kalender um knapp 7 Jahre und 8 Monate hinterher, woraus die Äthiopier einen Vorteil generieren: Beim Besuch ihres Landes ist man 7 Jahre jünger. Der koptische Kalender, der in Ägypten teilweise noch von den Bauern genutzt wird, gleicht dem äthiopischen, ist ihm allerdings um 276 Jahre zurück. 

Kalender in der Globalisierung

Es scheint also kalendarisches Chaos zu herrschen. Glücklicherweise nutzen mittlerweile die meisten Länder das gregorianische Kalendersystem. In Ländern wie im Iran oder in Äthiopien besteht zumindest ein Nebeneinander der Kalender. Ausnahme bilden einige Kirchen und Religionsgemeinschaften. Hier werden – der Tradition geschuldet – die ursprünglichen Kalendersysteme noch häufig für die Berechnung und Bestimmung von Feiertagen oder Festen verwendet. So dient der chinesische Kalender – eines der kompliziertesten Kalendersysteme der Welt – den Anhängern der chinesischen Astrologie oder Feng-Shui-Meistern als Berechnungsgrundlage für die Festlegung günstiger oder ungünstiger Tage. Geradezu reformatorisch erscheinen dagegen einige orthodoxe Kirchen wie z.B. in Griechenland und Bulgarien, die uns mit der Einführung eines reformierten neujulianischen Kalenders in Sachen Präzision mittlerweile einen Schritt voraus sind. 

Warum der Februar?

In den meisten Kalendern wird der zusätzliche Schalttag oder -monat einfach am Ende des Jahres hinzugefügt. Im gregorianischen Kalender wird er – scheinbar unlogisch – an den Februar gehängt. Doch im römischen Kalender bis 153 v. Chr. stand der Monat Februarius ursprünglich an zwölfter und damit am Ende des Jahres. Der Februar hat also seinen Platz gewechselt, aber sein Privileg beibehalten, einen zusätzlichen Tag zu erhalten.

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