Frau Nikitin, warum brauchen wir Freunde?

Jana Nikitin: Einsame Menschen sind häufiger krank, haben mehr Stress - und sterben früher. Anders ausgedrückt: Soziale Kontakte sind gut fürs Wohlbefinden. Freundschaften sind dabei die positivsten Beziehungen. Will heissen: Eine Freundschaft basiert auf Freiwilligkeit. Freundschaften, die uns guttun, pflegen wir. Freundschaften, die uns belasten, lösen wir auf. Nicht so bei Familien- oder Partnerbeziehungen: Beziehungen zu Elternteilen oder Geschwistern können belastend sein. Aus Pflichtgefühl bleiben wir jedoch in Kontakt. In Partnerschaften können Umstände - seien es gemeinsame Kinder oder finanzielle Sicherheiten - dazu führen, dass wir die Beziehung trotz Differenzen aufrechthalten. 

Was können uns Freundschaften bieten? 

Bei Freundschaften ist die Freundschaft, ein gegenseitiger positiver Austausch auf Augenhöhe, der alleinige Zweck der Beziehung. In der Forschung sprechen wir auch von der Freundschaft als einer sozialen Bank, wo wir Zeit und Hinwendung investieren und wieder «abheben». Dieser Austausch muss nicht gleichzeitig erfolgen. Ich begleite eine Freundin durch eine schwere Zeit und kann im Gegenzug auf sie zählen, wenn ich mit Problemen zu kämpfen habe.

Wie steht es um die Freundschaft mit uns selbst. Funktioniert diese auch als eine Art soziale Bank?

Die Beziehung zu uns selbst kann nicht mit Beziehungen zu anderen Menschen verglichen werden. In der Psychologie werden sie dann auch auf zwei unterschiedlichen Achsen mit je einem Plus- und einem Minuspol an den Enden dargestellt. Menschen gedeihen am besten, wenn sie auf beiden Achsen im positiven Bereich liegen. Allerdings können wir bei der Beziehung zu uns selbst - auch Selbstbewusstsein oder Selbstwertgefühl genannt - nicht wie bei Beziehungen zu anderen von einer sozialen Bank sprechen. Studien zeigen: Beschäftigen wir uns viel mit uns selbst, werden wir unzufriedener. Dies, weil wir einem Ideal nacheifern, das nur schwer erreichbar ist.

Psychologische Ratgeber über die Kunst, mit sich selbst befreundet zu sein, sind demzufolge ein Unsinn?

Eine Auseinandersetzung mit uns selbst möchte ich nicht schlechtreden. Doch über Beziehungen mit anderen Menschen können wir an Selbstwert gewinnen - und dabei glücklich bleiben. 

«Freunde sind wichtiger als der Partner» lautet eine aktuelle These. Stimmen Sie dem zu?

Freundschaften und Partnerschaften haben unterschiedliche Funktionen. Mit einem Partner führe ich ein Sexualleben, habe eventuell auch Kinder. Freunde, insbesondere auch lebenslange Freundschaften, sind Teil meiner Identität. Mit ihnen teile ich gemeinsame Erinnerungen und Erlebnisse vergangener Zeiten. Freundschaften können Partnerschaften für eine gewisse Zeit kompensieren, aber nicht ablösen. Auch in umgekehrter Richtung nicht.

Demnach stehen Sie der Aussage «Mein Partner ist mein bester Freund» eher kritisch gegenüber? Wenn es passiert, ist das schön (lacht). Doch ich rate ab, danach zu suchen. Wir haben heute die Tendenz, den Partner als ein Gesamtpaket zu sehen. Wir Frauen wollen beispielsweise einen Mann, der zugleich auch verständnisvoller Freund, fürsorglicher Vater und feuriger Liebhaber ist. Die Erwartungen sind zu hoch und werden dann oftmals enttäuscht - mit ein Grund für die hohe Scheidungsrate.

Sie sprechen von Scheidung. Studien sagen: Im Alter trennen wir uns auch häufiger von Freunden. Warum?

Eine Hypothese besagt, dass wir im Hinblick auf die kurze Zeitperspektive aufhören, in weniger relevante Beziehung zu investieren. Eine andere Theorie sagt: Im Alter haben wir weniger Ressourcen für die Freundschaftspflege. Diese These unterstützt eine aktuelle Studie mit Berberaffen. Sie pflegen im Alter weniger soziale Kontakte, kennen die Zeitperspektive jedoch nicht. 

Welche Theorie verfechten Sie? 

Ich denke, es liegt an den fehlenden Ressourcen. Im Alter sind wir nicht mehr so mobil und wir brauchen mehr Energie, um uns nach Stresssituationen zu beruhigen. Entsprechend versanden Freundschaften, die uns Energie rauben. Bildlich gesprochen können wir uns an der Spitze eines Konvois sehen. Gleich hinter uns folgen die engsten Freunde und Bekannte. Danach kommen losere Bekanntschaften. Diese Konvois fallen mit den steigenden Lebensjahren weg. Die Ablösung kann bewusst, aber auch automatisch erfolgen.

Heisst es dann: weniger Freunde, dafür intensivere Beziehungen?

Ja und nein. Ältere Personen haben weniger hohe Erwartungen. Nicht jedes Treffen muss ein ausgelassener Tanzabend werden. Auch braucht es nicht immer tiefgründige Gespräche. Gleichzeitig gewinnen Traditionen und Rituale an Bedeutung. So empfinden wir ein gemütliches Beisammensein bei Kaffee und Kuchen bereits als sehr erfüllend.

Ist demnach unsere Angst vor einem langweiligen Altersdasein unbegründet?

Ja! Viele von unseren negativen Erwartungen ans Älterwerden sind völlig unbegründet und rauben und Lebensjahre - bis zu acht, wie Studien belegen. Es ist der funktionalste Prozess: Wenn wir die Umwelt nicht ändern können, verändern wir uns selbst. Wir haben die schlimmsten Vorstellungen davon, was wir als ältere Person nicht mehr haben - beispielsweise einen grossen Freundeskreis -, und vergessen: Im Alter sehen unsere Erwartungen an ein gutes Leben anders aus. Deswegen mein Rat: Werdet gelassen älter!