Müllerhaus

Das schönste Haus im Kanton Aargau

Das Müllerhaus wird gern für Anlässe jeglicher Art gebucht.

Das Müllerhaus wird gern für Anlässe jeglicher Art gebucht.

Vom goldenen Zeitalter des Baumwollbooms zeugen heute noch viele herrschaftliche Bürgerhäuser in Lenzburg. Das Müllerhaus gilt dabei als das schönste im Kanton.

Der erste Eindruck zwingt einen fast dazu, sich Gedanken über die stadtplanerische Situation zu machen, denn das altehrwürdige Gebäude aus dem Frühklassizismus wurde zur Zeit der Postkutschen und Fuhrwerke an die damalige Verkehrsachse Zürich–Bern und der Strasse zum Seetal gebaut, die sich zu den viel befahrenen Hauptstrassen Seonerstrasse und Bleicherain entwickelten. Die nötige Ruhe zur Würdigung stellt sich nur schwer ein. Doch das ändert sich spätestens beim Betreten des laut kantonaler Denkmalpflege «schönsten Aargauer Bürgerhauses». Mit einem Mal fühlt man sich zurückversetzt in die damalige Zeit. Demut kommt auf. Auch weil das Innere des Müllerhauses einige ungeahnte Schätze birgt wie beispielsweise den historischen Kachelofen mit seinen aussergewöhnlichen Zeichnungen oder die pinkfarbige Pariser Tapete von 1780, Prunkstück des Festsaales im 1. Stock. Erbaut wurde das klassizistische Gebäude im Jahr 1785 von Gottlieb Hünerwadel zusammen mit dem Architekten Carl Ahasver von Sinner, der u.a. auch das Landgut Lohn bei Bern erbaute. Als engagierter Handelsherr, Offizier und Politiker sass Gottlieb Hünerwadel später auch im Regierungsrat des Kantons Aargau.

Goldene Zeiten dank Baumwolle

Durch den Handel mit Baumwolle – die Schweiz war um 1780 das dichteste Baumwollland in Europa und Lenzburg einer der wichtigsten Stapelplätze im Land – wurde er zu einer der wohlhabendsten Personen der Region. Von dem Boom profitierten auch andere und so zeugen heute noch viele Bürgerhäuser um den Altstadtkern vom Wohlstand und Reichtum des goldenen Zeitalters Lenzburgs. Als eines der eindrücklichsten Bürgerhäuser vereinte das Müllerhaus Wohnsitz und Geschäftshaus. Denn obwohl das Gebäude stilgeschichtlich viel mit Berner Patriziersitzen gemeinsam hat, entspricht es funktionell den ostschweizerischen Fabrikantenwohnsitzen: mit Warenlager und Ferggstube im Untergeschoss, Kontorräumen im EG und Herrschaftswohnungen in den beiden oberen Stockwerken. Als das Baumwollgeschäft nicht mehr so gut lief, errichtete der Enkel von Gottlieb Hünerwadel im Soussol eine Brauerei. Während des Freiämteraufstands Mitte des 19. Jahrhunderts wurden immer wieder Männer im Haus einquartiert.

Das Haus wird zur Arztpraxis

Im Jahr 1903 kaufte der Arzt Adolf Müller-Fischer das leerstehende Haus und richtete im Erdgeschoss seine Praxis ein, während er mit seiner Familie in der Bel Etage wohnte. Als Arzt und Philanthrop war Müller ausserordentlich engagiert: als Mitglied des freiwilligen Armenvereins, Armenarzt und Mitglied der Schulpflege. Diese gutmenschlichen Eigenschaften gingen auf die drei Müller-Kinder Paul, Gertrud und Hans über, die ebenfalls bekannt für ihr offenes Ohr waren und auch später bis zu ihrem Tod im Müllerhaus wohnten. Daher war im Hause Müller immer viel los – neben Haushaltlehrtöchtern, Ferienkindern, Patenkindern und ehemaligen Schülern schauten auch Freunde wie Paul Klee oder Theodor Heuss regelmässig vorbei. Der ältere Bruder, Hans Müller, studierte Medizin, übernahm 1926 die ärztliche Praxis im Haus und zog mit seiner Frau Anna Gallmann und seinem Sohn Hans Peter in den 2. Stock. Er vertiefte sich mit Mitte sechzig noch in das Thema Diabetes, baute am Kantonsspital Aarau eine Diabetesschule auf und gründete die Aargauische Diabetesgesellschaft. Allen Geschwistern gemein war die Wichtigkeit, mit dem Haus eine Stätte zwischenmenschlicher Begegnung, einen Ort für Gedankenaustausch und gemeinsames Gespräch zu schaffen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Hans Müller zusammen mit seiner Schwester Gertrud 1987 die Stiftung gründete, damit auch in Zukunft das Müllerhaus in ihrem Sinne weitergeführt wird: als ein Ort für Austausch und Begegnung.

Umtriebiges Müllerhaus

Heute haben einige kulturelle, soziale und politisch aktive Organisationen wie die Kulturstiftung Pro Argovia, Forum Helveticum oder die Schweizerische Helsinki- Vereinigung ihren Sitz im Müllerhaus. Daneben wird das Hausinsbesondere für Veranstaltungenwie Hochzeiten, Seminare oder Lesungen des zur Stiftung zugehörigenAargauer Literaturhauses genutzt. In der Reihe «Bluus im Müllerhuus» finden in den Wintermonaten verschiedene Konzerte Schweizer Blueskünstler statt. Ausstellungen regionaler Künstler wie z.B. Peter Mieg bieten ebenfalls eine gute Gelegenheit, das Müllerhaus zu besuchen. Die überraschenden Werke von Fritz Huser, der sein Atelier im Haus hat, zieren bereits verschiedene Wände des Gebäudes. In einem Gemälde hat er das Müllerhaus auf seiner für ihn typischen aussergewöhnlichen und poetischen Weise verewigt.

www.muellerhaus.ch 

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