Holzsystemhaus

Bauen mit nur drei Materialien

Beim Bau ihres Wohnhauses beschränkte sich das Ehepaar Durrer-Röthlin auf die Verwendung von nur drei Materialien: Holz, Beton und Glas.

Längst sind wir aus dem Dorfzentrum von Kerns wieder herausgefahren, doch es ist immer noch nicht zu erblicken. Erst als uns das Navi auf eine steile Nebenstrasse durch in
kleines Wäldchen und dann an zwei älteren Bauernhäusern und einem Schuppen vorbeilotst, rückt auf der Anhöhe das markante Wohnhaus des Ehepaars Durrer-Röthlin ins Blickfeld. Es ist ein heisser Tag, das Auto lassen wir im Schatten der hohen Zeder auf dem Vorplatz stehen. Später wird uns Andrea Röthlin erzählen, sie hätten bei den Bauarbeiten gerade noch verhindern können, dass dieser alte Baum sowie der kleinere Apfelbaum auf der Wiese gefällt wurden.
Schon von aussen fällt der auf einem Betonsockel stehende Neubau auf. Dessen Kleid, aus senkrechten Lärchenholzlatten gezimmert, ist schon stilvoll ergraut. Die zwei grossen quadratischen Fenster an der Frontseite gegen Norden und je ein Fenster auf der Ost- und Westseite erhellen den Wohnraum im oberen Stock, das breite Panoramafenster im Erdgeschoss hingegen gehört zum Atelier von Andrea Röthlin. Seit bald zwanzig Jahren arbeitet die Obwaldnerin als freischaffende Künstlerin. Bilder in Tusche und Ölfarben sowie Tieffdrucke und Lithografien entstehen in diesem hohen Raum. Obwohl der Boden und zwei Wände in Schwarz gehalten sind, wirkt das Atelier mitnichten düster. «Eher schafft das Fehlen von Weiss Geborgenheit und sorgt dafür, dass ich mich in meine Arbeit versenken kann», findet Röthlin. Auch sonst gibt es keine weissen Wände im ganzen Haus. Bis auf eine in der Wohnküche. Es sei noch ihre letzte «Hausaufgabe», diese eine Wand mit eigenen Händen farblich zu gestalten, lacht sie.

Fokus auf drei Baumaterialien

Die Baustoffe, die dem Holzsystemhaus seinen typischen Charakter verleihen, hat das Ehepaar bewusst auf deren drei beschränkt: «Für uns war von Beginn weg klar, dass wir nur Holz, Beton und Glas verwenden würden.» So ziehen sich in der Mitte des Hauses zwei Wände aus Sichtbeton vom Atelier bis ins Dach hinauf. Dazwischen liegen freischwebend die Treppenstufen aus Eichenholz, die die verschiedenen Etagen miteinander verbinden. Die Innenseite der Systemwände aus Fichtenholz und die Unterseite der Massivholzdecken sind roh belassen und kleiden die Wände und Decken der meisten Räume. In der Wohnküche fällt der Blick auch auf den Specksteinofen, der sich harmonisch mit der Betonwand und dem Boden verbindet. Im Ofeninneren sorgt ein Wärmetauschsystem aus Chromstahl dafür, dass das darin aufgeheizte Wasser im Winter auch den Boden wärmt – eine von den alten Römern überlieferte Heiztechnik. Noch bis zum Jahr 2013 stand an dieser Kernser Adresse das Haus Obholz, ein Bauernhaus aus dem Jahr 1624. René Durrer ist darin bei seiner Grossmutter aufgewachsen. Auch nachdem er schon längst ausgezogen war, hatte er immer wieder zum alten Haus geschaut. Nach dem Tod der Grossmutter zog es ihn 2005 wieder hierher zurück. Er konnte das Heimetli kaufen. «Wir haben lange in sehr einfachen Wohnverhältnissen gelebt», erzählt Andrea Röthlin, die ein paar Jahre später einzog. «Es gab draussen ein Plumpsklo und drinnen nur ein Kämmerchen mit einer Plastiktapete zum Duschen.» Zu Beginn wurde ein klassischer Umbau mit einem neuen Anbau angedacht.

Glück mit dem Architekten

Probleme mit dem Denkmalschutz gab es insofern keine, als das einstige Bauernhaus sowieso nicht mehr im Originalzustand war: In der langen Vergangenheit war nämlich an beiden Seiten je ein laubenartiger Anbau angebracht worden. Trotz der mit dem Bauernhaus verbundenen Emotionen entschied sich das Paar für einen Neubau.
«Das war richtig, wie wir bald fest- stellen sollten», erinnert sich Röthlin. «Beim Abriss zerfielen die russgeschwärzten Balken und Wände buchstäblich zu Staub.» Doch bis der «Phönix aus der Asche» steigen konnte, dauerte es seine Zeit.
Weil der Neubau in der Landwirtschaftszone steht, mussten sich Bauherrschaft und Architekt intensiv mit den besonderen Auflagen der Baubehörden auseinandersetzen und einen langen Atem an den Tag legen. Die Zusammenarbeit mit dem Luzerner Architekten Romeo Kunz erwies sich dabei als Glücksfall, die Chemie habe von Beginn weg gestimmt. Und weil René Durrer, der heute als Naturheilpraktiker arbeitet, auch gelernter Zimmermann und Bauführer SBA ist, übernahm er die Bauführung. «Eine ideale Ergänzung zum philosophischvisionär veranlagten Architekten», so Andrea Röthlin. Keine Frage: Es ist ein besonderes Haus an einem besonderen Ort. In jedem der grosszügigen, lichtdurchfluteten und klug eingeteilten Räume spürt man die Liebe zum Detail, die sich in der Ausführung des Baus und der Inneneinrichtung beobachten lässt. Die beiden Bewohner geniessen ihre neu gewonnene Wohnqualität und vielfältigen Ausblicke auf Wiesen, Wälder, See und Berge aber nicht nur zu zweit: Sie teilen ihr Wohnglück oft mit Freunden und Verwandten, die zu Besuch kommen.

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