Wochenkommentar

Warum Terror mehr Angst macht als ein Erdbeben

Christian Dorer
Hier sieht man das Ausmass der Erdbeben-Katastrophe.

Hier sieht man das Ausmass der Erdbeben-Katastrophe.

278 Tote, fast 400 Verletzte, Tausende Obdachlose. So lautet die vorläufige Bilanz des Erdbebens, das Italien am Mittwochmorgen um 3.35 Uhr erschüttert hat.

Die Betroffenheit in Europa ist gross, Politiker sagen dann Sätze wie «Die Bilder der Verwüstung sind schockierend» (Bundeskanzlerin Angela Merkel), und sie sprechen von «grenzenlosem Schmerz» (Premier Matteo Renzi). Die Natur hat uns mal wieder gezeigt, wie unberechenbar sie sein kann – und wie viel stärker als der Mensch. 

Es ist eine Binsenwahrheit: Das Leben ist lebensgefährlich, und absolute Sicherheit gibt es nicht. Der reflexartige Ruf nach jedem Unglück, jetzt müsse der Staat handeln, führt immer zu neuen Vorschriften, aber selten zu mehr Sicherheit.

Dieses Erdbeben jedoch ist eine Katastrophe mit Ansage, und es ist erstaunlich, wie erstaunt viele Menschen über das Ausmass der Zerstörung sind. Seit dem Ende der Unabhängigkeitskriege 1871 haben 35 starke Beben Italien erschüttert, im Durchschnitt alle vier Jahre; allein beim Erdbeben von Messina 1908 starben rund 100 000 Menschen. Weil die Eurasische Platte dem Apennin entlang auf die afrikanische trifft, wird Italien auch in Zukunft von Erdbeben erschüttert werden. Die Frage lautet nicht ob, sondern wann.

Man stelle sich vor, ein Land wüsste, dass sich alle paar Jahre ein Terroranschlag mit Hunderten Toten ereignen würde – es würde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um das zu verhindern. Ein solches Land würde im Kampf gegen den Terror weder Kosten noch Aufwand scheuen. Jeder Politiker, der hier zögerlich wäre, würde abgewählt.

Italien aber wird nicht von Terror heimgesucht, sondern von Erdbeben – und das seit Hunderten von Jahren. Doch trotz technischer Fortschritte werden historische Bauten kaum nachgerüstet, nicht mal alle modernen Gebäude sind erdbebensicher gebaut. Dies im Gegensatz zu Japan, das alle Möglichkeiten nutzt, um die Folgen von Erdbeben möglichst klein zu halten. Der Staat muss zwar nicht für jedes Problem ein neues Gesetz schaffen. Er sollte aber den technischen Fortschritt nutzen, um das Leben seiner Bürger zu schützen. Japan ist da vorbildlich.

Auch in Basel wird die Erde wieder beben

Nun wäre es einfach, die Unzulänglichkeiten der Italiener mit deren unbekümmerten und oft chaotischen Lebensstil zu erklären. Doch bei uns ist es kaum besser: Basel liegt am Oberrheingraben, einem aktiven Erdbebengebiet. Am 18. Oktober 1356 ereignete sich hier das stärkste Beben nördlich der Alpen seit Menschengedenken. Heftige Stösse und eine anschliessende Feuerwalze zerstörten die Stadt, rund 80 Schlösser und Burgen der Region stürzten ebenfalls ein.

660 Jahre war es nun ruhig. Doch irgendwann wird sich ein solches Beben wiederholen: vielleicht morgen, vielleicht in 80, vielleicht in 250 Jahren. Es käme zu einer unvorstellbaren Katastrophe. Die Chemiefabriken, das nahe AKW, die Stauseen des Schwarzwalds – alles einsturzgefährdet. Aber macht uns das Angst? Nein. Macht uns die Terrorgefahr Angst? Ja. Was sind die Gründe für diesen Unterschied?

Zum einen macht das Böse mehr Angst als das Unvermeidbare. Dass es Terroristen gibt, ist nicht gottgegeben, sondern menschgemacht und vermeidbar. Ein Erdbeben hingegen ist Teil unseres Lebenssystems wie die Jahreszeiten.

Bis 2004 hatte niemand Angst vor einem Tsunami

Zum anderen, und das ist der wichtigste Punkt, macht nur Angst, was man kennt. Bis am 26. Dezember 2004 wusste mancher nicht mal, was das Wort «Tsunami» bedeutet. Touristen in Südostasien standen staunend am Strand und fragten sich, wo das Wasser geblieben war. Einige Urvölker hingegen eilten auf Hügel, weil sie sich von Generation zu Generation überliefert hatten, was diese Szenerie bedeutet: Eine Monsterwelle rollt an.

Wer selber Krieg erlebt hat, nennt als oberste Priorität meistens: Nie wieder Krieg! Wer diese Erfahrung nie machen musste, hält es für unmöglich, dass es bei uns je wieder Krieg geben könnte. Deshalb hat die EU ihre Bedeutung als Anti-kriegsprojekt schleichend verloren.

1356 liegt weit zurück. Irgendwie kann sich niemand so richtig vorstellen, dass die ganz grosse Katastrophe eintreffen könnte – auch wenn der kantonale
Krisenstab darauf vorbereitet ist; auch wenn jeder rational gesehen weiss, dass es nur eine Frage der Zeit ist.

Ist die Ignoranz schlimm? Gewiss verhindert sie, dass konsequent erdbebensicher gebaut wird. Und trotzdem ist es gut, dass der einzelne Mensch viele der Gefahren ausblendet, die das Leben für uns bereithält – er geht so glücklicher durchs Leben. Es genügt, sich dann zu sorgen, wenn der Grund dafür da ist.

christian.dorer@azmedien.ch

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Christian Dorer

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