Der Lebenslauf von Margrit Fuchs ist von einer besonderen Wende geprägt. In einem psychischen Tief – „einer fürchterlichen Leere“, wie sie schrieb - beschloss sie, mit 53 Jahren ein neues Leben in einem Entwicklungsland zu beginnen und sich dort zu engagieren. Worauf sie im Laufe der Zeit in Ruanda ein grossartiges Hilfswerk aufbaute.

Doch zurück in frühere Jahre. Am 28.März 1917 kam sie in Windisch zur Welt, besuchte die hiesige Primarschule, die Brugger Bezirksschule, absolvierte eine KV-Ausbildung, dann eine Ausbildung zur Zahnarztgehilfin und war u.a. als Sekretärin beim Schweiz. Bauernsekretariat tätig. 1963, mit 46 Jahren, zog sie sich aus dem Berufsleben zurück, um ihre betagte Mutter zu pflegen. Als diese zwei Jahre später starb, verfiel sie in die erwähnte tiefe Depression.

Suche nach sinnvoller Tätigkeit

Zwar arbeitete die Windischerin nochmals in zwei Betrieben, doch fehlte ihr eine erfüllende Aufgabe, wie es die Pflege der Mutter war. Hilfsbereitschaft und Dienst am Mitmenschen schwebten ihr vor. Und so beschloss sie in Absprache mit ihrem Hausarzt, in ein Entwicklungsland zu ziehen. Mit 53 Jahren reiste sie nach Ruanda und betreute dort ein kirchliches Zentrum mit Herberge.

Zwischendurch kehrte sie in die Schweiz zurück. 1980 liess sie sich dann definitiv in Ruanda nieder und errichtete ein Begegnungszentrum. 1987 gründete sie mit einem einheimischen Priester das Bureau Social de Gitarama, das sich zum Ziel setzte, Bedürftige zu unterstützen und vor allem Waisen- und Strassenkinder zu betreuen. Deren Zahl war riesig, die Unterbringung in alten Hütten genügte nicht mehr.

Die 76-jährige Windischerin fasste einen Heim-Neubau ins Auge, doch fehlten ihr noch 20'000 Franken. Zufällig fiel mir, als damaliger Redaktor des Badener Tagblatts, ihr Brief in die Hände, in welchem sie Verwandte und Bekannte um eine Spende für das erwähnte Projekt bat.

Redaktion und Verlag unterstützten meinen Vorschlag, am 19. Dezember eine Weihnachts-Sammelaktion zu starten. Innerhalb von 5 Tagen sagte die Leserschaft Spenden von 180 000 Franken zu! Margrit Fuchs, die von der Sammelaktion keine Kenntnis hatte, fiel bei der telefonischen Benachrichtigung am Weihnachtsabend aus allen Wolken.

Bürgerkrieg mit fatalen Folgen

Die Geldsammlung war als einmalige Aktion gedacht. Doch der Bürgerkrieg von 1994 vergrösserte Armut und Elend dramatisch, weshalb die Weihnachtsaktionen weitergeführt und in der Folge von den weiteren AZ Medien übernommen und zur Tradition wurden. Damit wurde der eigentliche Auf- und Ausbau des Hilfswerkes ermöglicht. Als Leiter der Weihnachtsaktionen konnte ich Margrit Fuchs bei ihrer Arbeit, ihren Plänen und Projekten eng begleiten.

Es entstanden Heime, Schulhäuser, Kindergärten, Kantinen, Werkstätten und Ateliers zur Ausbildung von Lehrlingen und Lehrtöchtern, eine Universitäten, eine Mütterstation, Betreuungsstellen für Waisenhaushalte. Margrit Fuchs und ihr Team konnten in Hunderten von Gastfamilien weit über 1000 Waisen unterbringen, hinzu kam die Betreuung und Rückführung von Hunderten von Strassenkindern.

Zu einem „Markenzeichen“ wurde mein Vorschlag, zweckbestimmte Spenden einzuführen. Seither können die Spendenden wählen, wofür sie ihr Geld einsetzen möchten: Vieh für arme Familien, Schulgeld zur Ermöglichung des Schulbesuches, Beiträge für die Betreuung von Waisenkindern und für andere Aktivitäten.

Einzigartige Trägerschaft

Bis ins 90. Lebensjahr führte Margrit Fuchs ihr Hilfswerk voller Elan. 2007 starb sie bei einem Verkehrsunfall in Ruanda. Seither führt eine von Regula Gloor – einer Verwandten von Margrit Fuchs – sehr engagiert geleitete Stiftung ihr Lebenswerk weiter, wobei in der Schweiz keinerlei Kosten anfallen. Und einzigartig ist auch, dass die Leserschaft der beteiligten Zeitungen die eigentliche Trägerschaft des Hilfswerkes bildet, indem sie es mit ihrer Unterstützung der Weihnachtsaktion zum überwiegenden Teil finanzieren.

Kurz vor ihrem Hinschied hat Margrit Fuchs diese Zeilen verfasst: „Die alljährliche Weihnachtsaktion der Zeitungen ermöglicht uns, die bitterste Not zu lindern und mit der Hilfe zur Selbsthilfe den nötigen Funken Hoffnung zu entzünden.“ Dies gilt nach wie vor.