Wir kennen uns nur flüchtig. Vielleicht erinnerst Du Dich: Im Vorfeld der Olympischen Spiele in London haben wir uns vor etwas mehr als vier Jahren zu einem etwas spezielleren Interview mit einer ehemaligen Olympiateilnehmerin getroffen.

Wir haben gestaunt und gelacht über die Anekdoten, die uns die Schwimmerin Doris Santschi-Gontersweiler von den Spielen 1948 erzählt hat. Es war auch für Dich ein interessanter und faszinierender Einblick in eine ganz andere Zeit und auch eine ganz andere Welt.

Damals bist Du selber vor Deiner ersten Olympia-Teilnahme gestanden und wusstest nicht so richtig, was Dich erwartet. London wurde für Dich schliesslich zu einer Enttäuschung. Du verpasstest den Sprungfinal und kamst mit leeren Händen sowie einer offenen Rechnung mit Olympia nach Hause.

Aber auch mit einer lehrreichen Erfahrung im Rucksack. Und mit 18 Jahren hattest Du die Zukunft ja immer noch vor Dir. Schon damals war mir klar, dass Du noch stärker zurückkommen würdest.

Und so war es. Auch wenn ich Deinen Werdegang immer nur aus der Distanz, aber dennoch mit Interesse verfolgt habe, habe ich darauf gesetzt, dass Dir in Rio der Durchbruch auf der ganz grossen (Welt-)Bühne gelingt. Die bittere Erfahrung von London hast du nun zu Deinen Gunsten nutzen können.

Im Sprung bist Du auf Nummer sicher gegangen. Du hast die Sprünge gewählt, die Du in- und auswendig beherrschst und damit letztlich vom (Über-)Mut zum Risiko Deiner Konkurrentinnen profitiert. Du hast Dich auch nicht durch den verpatzten Mehrkampffinal und die missglückten Sprünge im Abschlusstraining irritieren lassen.

Wer im entscheidenden Moment, am berühmten und auch berüchtigten Tag X, alles so auf die Reihe bekommt wie Du, der ist wahrlich ein grosser Champion. Dass nicht immer alles nach Wunsch klappt, musstest Du gestern im Boden-Final am eigenen Leib erfahren. Doch selbst in der Niederlage hast Du die Fassung bewahrt und Grösse gezeigt, indem Du lächelnd Handküsse in die Heimat geschickt hast.

Liebe Giulia, ich bin als Journalist ja ansonsten eher im Reich der glitschigen Unterlage, auf welcher harte Männer mit Puck und Schläger zu Werke gehen, zu Hause. Es ist eine gänzlich andere Welt in Vergleich zu Deiner, in welcher die Athletinnen kleine Kraftpakete mit unglaublichen Fähigkeiten sind.

Du und Deine Konkurrentinnen zeigen atemberaubende Dinge. Ihr geniesst meinen allergrössten Respekt. Nachdem ich Dich hier in Rio ein ganz kurzes Stück auf Deinem langen Weg zu einer olympischen Medaille begleiten durfte, bin ich schwer beeindruckt von dem, was Du hier auf die Bühne im olympischen Rampenlicht gezaubert hast. Ich hoffe, dass wir uns in den vier Jahren bis Tokio endlich mal wieder persönlich treffen.

Liebe Grüsse
Marcel Kuchta

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Grafik: Elia Diehl

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro