Sind die Doping-Vorwürfe gegen die Russen eine angloamerikanische Verschwörung? Ist die Kritik an den Spielen in Rio de Janeiro haltlos? Der 66-jährige Schweizer René Fasel, einer der mächtigsten Sportfunktionäre der Welt, kontert.

Rückblick: Der Kanadier Richard McLaren hat mit seinem Report die olympische Welt in den Grundfesten erschüttert. Auf 103 Seiten beschreibt der «McLaren-Report» Staatsdoping in Russland. Es geht auch um Ungereimtheiten rund um die Winterspiele von 2014 in Sotschi. Die Vorwürfe sind schwer und führten zur Forderung eines generellen Ausschlusses der Russen von Rio.

Aber treffen diese Vorwürfe zu? René Fasel sitzt im Machtzentrum des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und ist skeptisch. «Ich zweifle den McLaren-Report an. Die Vorwürfe stützen sich in erster Linie auf den Aussagen eines Whistleblowers, dessen Glaubwürdigkeit nicht über alle Zweifel erhaben ist. Ich vermisse hieb- und stichfeste Beweise. Ich bin der Auffassung, die in einem Rechtsstaat üblich ist. Dass dem Angeklagten die Schuld zweifelsfrei bewiesen werden muss – und nicht der Angeklagte seine Unschuld zu beweisen hat. Ich bin deswegen auch gegen die Kollektivstrafe und war gegen einen generellen Ausschluss der Russen für die Spiele in Rio.»

Russlands Leichtathletik bleibt von Rio ausgeschlossen

Russlands Leichtathletik bleibt von Rio ausgeschlossen

Wegen systematischem Doping schliesst der Internationale Sportgerichtshof CAS russische Leichtathleten von den Olympischen Spielen 2016 aus. Das verkündete der CAS-Generalsekretär Matthieu Reeb vor Beginn der Spiele. Das russische Olympische Komitee und russische Athleten erhoben am Gerichtshof mehrheitlich ohne Erfolg Einspruch gegen die Sperre durch den Weltleichtathletikverband IAAF. (englische Originalversion)

Das IOC hat es den einzelnen Verbänden überlassen, die Russen auszuschliessen. Der Leichtathletik-Verband setzte als einziger den kollektiven Ausschluss durch und René Fasel sagt: «Präsident Sebastian Coe hat in dieser Sache keine gute Figur gemacht.» Das Vorgehen gegen die Russen komme ihm vor die wie heilige Inquisition und er moniert: «Diese Angelegenheit hat einen politischen Hintergrund und dient dem Interesse der angloamerikanischen Welt. Sport war schon immer Politik.»

In einer anderen Welt

Welches sind nun die Konsequenzen aus der Affäre? Wie geht es im Kampf gegen Doping weiter? René Fasel sagt: «Wie immer, wenn man nicht mehr weiterweiss, werden Arbeitsgruppen gebildet und Kongresse einberufen. So ist es auch jetzt. Das Doping-Problem ist so komplex, dass es keine einfachen Lösungen gibt.»

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In Rio gibt es derweil von IOC-Vertretern Kritik an den Organisatoren. Die leeren Plätze in vielen Stadien sind längst ein Thema bei den IOC-Offiziellen. Sie sehen eine Gefahr für ihr Premiumprodukt. Mangelnder Zuschauerzuspruch, den die Menschen weltweit an den TV-Bildschirmen mitbekommen, macht sich nicht gut. «Dies sind bisher die schwierigsten Spiele gewesen, die wir je erlebt haben», hat der IOC-Vizepräsident John Coates der «BBC» gesagt: «Ich würde mir wünschen, dass da grössere Menschenmengen wären.»

Fasel teilt diese Kritik nicht. «Diese Klagen kann ich nicht nachvollziehen. Natürlich gab und gibt es Probleme. Aber es sind kleine Unzulänglichkeiten. Da wird gejammert, wenn er eine halbe Stunde irgendwo auf einen Transport warten muss. Im IOC leben zu viele in einer anderen Welt und wissen gar nicht mehr, wie die Wirklichkeit solcher Spiele ist.

Die Spiele hier verlaufen so, wie das vernünftigerweise zu erwarten war. Wir sind hier in Südamerika und nicht in London. Es ist ganz normal, dass bei gewissen Wettkämpfen die Stadien leer bleiben. Die Leute kaufen doch keine Eintrittskarten, um Sportarten zu sehen, die sie nicht kennen und die in Brasilien keine Tradition haben», sagt René Fasel.

Zwei, die sich mögen: der russische Präsident Vladimir Putin und der Schweizer Eishockey-Weltverband-Chef René Fasel. (Archivbild)

Zwei, die sich mögen: der russische Präsident Vladimir Putin und der Schweizer Eishockey-Weltverband-Chef René Fasel. (Archivbild)

Fasel steht den Russen nahe

Der Schweizer sitzt noch bis zum Ende der Spiele in Rio im IOC-Exekutivrat. Dann verlässt er nach acht Jahren turnusgemäss die «Sport-Weltregierung». Zwei Hintergründe helfen uns, seine kritischen Worte einzuordnen. Fasel ist von den hohen IOC-Herren wahrscheinlich der authentischste.

Um sportpolitische Korrektheit kümmert er sich nicht. Und er ist ein bekennender Gegner von IOC-Präsident Thomas Bach. Er hatte dem Deutschen vor der Wahl zum IOC-Vorsitzenden offen gesagt, er werde nicht für ihn stimmen. Nun haben sich die beiden kürzlich offiziell versöhnt. Doch Fasel macht sich keine Illusionen. «Einer wie Thomas Bach vergisst nie.»

Fasel steht auch offen dazu, dass er den Russen nahesteht. Er hat eine hohe Affinität für die russische Kultur und hat sich nie um den russlandfeindlichen Mainstream gekümmert. In Rio wird er von einer Gruppe Russen erkannt. Sie feiern ihn als Helden und geben nicht Ruhe, bis er sich aufheben und fotografieren lässt.

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Grafik: Elia Diehl

Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro