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Bauchspeicheldrüsenkrebs! Martin Inderbitzin gehört zu den seltenen Langzeit-Überlebenden des Pankreaskarzinoms. Am Tumortag Baden im KSB erzählt er seine «Survival-Story» – eine Geschichte, die Mut macht.

«Mein Leben hätte nicht besser sein können: Ich war 32 Jahre alt, hatte soeben meinen PHD (Doktorat) abgeschlossen und die Zusage für einen Traumjob. Kurz darauf wurde dieser Traum mit drei Worten zerstört: Sie haben Krebs!» Was er in diesem Augenblick gefühlt habe, könne er kaum in Worte fassen, sagt Martin Inderbitzin: «Ich war in einem Schockzustand, verzweifelt und weinte fest.» Statistisch gesehen betrug seine Chance, die nächsten drei Jahre zu überleben, gerade mal fünf Prozent. Beim Googeln stiess er nach eigenen Worten vor allem auf «demotivierende Statistiken und Geschichten» über seine Krankheit, den Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Motivation «bucket list»


Nach einer ersten Operation im Jahr 2012 unterzog sich Inderbitzin einer mehrmonatigen Bestrahlungs- und Chemotherapie. Es war während einer der vielen Chemos, als ein anderer
Krebspatient ihn fragte: «Wissen Sie, was ich mir wünsche? In Frieden zu sterben!» Inderbitzin war über diese Worte erschüttert, wie er sagt. Aber auch perplex. «In diesem Moment wurde mir klar, dass ich mehr vom Leben wollte, als in Frieden zu sterben!» Noch während der Chemo meldete

Prof. Dr. med. Martin Heubner, Chefarzt Gynäkologie
«Krebs ist in den westlichen Industrienationen die häufigste Todesursache. Aber es gibt auch Hoffnung. Denn die moderne Medizin kann immer mehr Erfolge im Kampf gegen bösartige Tumore verbuchen. Wie den Zellwucherungen mit modernsten Behandlungen entgegengewirkt wird, zeigen wir den Besuchern am Tumortag Baden, der nun bereits zum dritten Mal stattfindet. Die Rückmeldungen der vergangenen Jahre haben gezeigt, dass die Besucher
insbesondere den unkomplizierten Austausch mit den Ärzten aus den verschiedenen Fachgebieten schätzen. Diese Nähe werden wir auch dieses Jahr wieder bieten.»

sich Inderbitzin für einen Triathlon an. «Natürlich war das total absurd», sagt er. «Trotzdem gab mir diese Entscheidung ein Gefühl der Hoffnung, denn ich hatte nun ein Ziel.» Ausdauersport war für Inderbitzin zuvor nie ein Thema gewesen. Doch nun schlurfte er in Joggingschuhen den Spitalgang entlang, mit Infusionen verkabelt, setzte er sich auf den Hometrainer, und wieder zu Hause kämpfte er sich ins Hallenbad. Drei Monate später überquerte er als stolzer Finisher die Ziellinie des Züri Triathlon. Damit war er noch längst nicht am Ende seiner «bucket list», der Liste von Dingen, die er unbedingt noch erleben will. Er heiratete seine Freundin Katarina und segelte mir ihr von Mallorca nach Kuba, danach ging es auf eine gemeinsame Weltreise. Dabei trafen sie Krebspatienten aus anderen Ländern, interviewten und filmten sie. So entstand die Internetplattform mysurvivalstory.org, auf der Krebspatienten von ihrem Umgang mit der Krankheit erzählen – in kurzen Videos und Podcasts, die selbst in schlechter körperlicher Verfassung verdaubar sind. Martin Inderbitzin: «Meine Idee war es, dass Krebspatienten bei ihrer Google-Suche nicht nur Zahlen finden,
sondern auch persönliche Geschichten. Geschichten, die ihnen Mut machen.»

Geschichten, die Mut machen


Auf mysurvivalstory.org erzählen Menschen ihre ganz persönlichen Krebsgeschichten – von Ängsten und Depressionen, Rückschlägen und Hoffnungen. Vor allem aber, wie sie es schaffen, trotz Krebs ihr Leben zu leben. Der Begriff «survival story», Überlebensgeschichte, ist denn auch nicht als Geschichte des Sieges gegen den Krebs zu verstehen: «Überleben heisst nicht, nicht zu sterben», erklärt Inderbitzin. «Mit Überleben meine ich

Dr. med. Clemens Caspar, Chefarzt Onkologie/Hämatologie

«Am Tumortag vom kommenden Samstag machen wir Abläufe sichtbar, die sich üblicherweise
im Hintergrund abspielen. Den wenigsten Leuten ist beispielsweise bewusst, dass der Bestrahlungsraum der Radioonkologie kein Bunker, sondern ein grosser, heller Raum ist. Ein weiteres Aha-Erlebnis bietet die Pathologie, die zeigt, wie schnell und trotzdem präzis sie arbeitet, wenn sie Gewebeproben während laufenden Operationen untersucht. Und wer will, darf sich als Da-Vinci- Operateur versuchen. Der Tumortag ist nicht zuletzt auch ein Tag der Begegnungen, wobei Fragen individuell beantwortet werden.»

PD Dr. med. Cornelia Leo, Leiterin KSB Brustzentrum

«Der Tumortag Baden richtet sich nicht nur an Betroffene, sondern ist für alle interessant, egal ob Jung oder Alt. Er ist nichts anderes als ein Tag der offenen Türen, fokussiert auf ein spezielles Thema. Ein Thema, das uns alle, auch wenn wir nicht direkt von Krebs betroffen sind, angeht. Die moderne Hochleistungsmedizin mit ihren Möglichkeiten wirft Fragen auf, die wir als Gesellschaft beantworten müssen. Welche Therapie zum Beispiel ist zu welchem
Zeitpunkt die richtige? Wie weit soll eine Therapie gehen? Im persönlichen Gespräch kann der Tumortag Baden vielleicht die eine oder andere neue Einsicht bringen.»

einen Prozess, wie man mit dem Schicksal umgeht, im Wissen, dass man irgendwann eh sterben wird.» Wie individuell der Umgang mit der Krankheit ist, zeigen Beispiele der dokumentierten Geschichten: Ein Arzt in Mexiko gründet nach der Diagnose einen Wanderclub
für Krebspatienten; eine 89- jährige Malaysierin überlebt fünf verschiedene Krebstypen und übt sich in radikaler Akzeptanz; ein Deutscher verwirklicht einen alten Traum und reist per Fahrrad und mit Hund um die Welt. Inderbitzin ist überzeugt, dass Patienten, die sich an solchen «Survivors» orientieren, ihre Krankheit besser bewältigen und so einen Überlebensvorteil haben. Durch die belastenden Therapien seien Krebspatienten nicht nur körperlich gestresst, sondern auch mental. Das aber schwäche das Immunsystem, erklärt
er, der einst über Stress promoviert hat. «Für mich war es deshalb ganz zentral, wie ich mit dem Stress umgehe, den mir meine Krankheit macht.» Wenn ihn der Krebs etwas gelehrt habe, sagt er, dann dies: «Das Leben findet im Hier und Heute statt.»

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