Fokus Gesundheit

Von Weisheitszähnen und Stolperstürzen

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Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Kantonsspitals Aarau (KSA) ist 24/7 im Einsatz. Sie wird unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Christoph Sebastian Leiggener geführt und vereint zahnärztliche und umanmedizinische Eingriffe.

Herr Prof. Leiggener, Sie sind Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und stv. Leiter des Kopf- und Halskrebszentrums im Kantonsspital Aarau. Welche Beschwerden bzw.  Erkrankungen haben Ihre Patientinnen und Patienten?

Die Fachärztinnen und Fachärzte unserer Klinik sind Humanmediziner und Zahnmediziner in einem. Entsprechend breit ist unser Behandlungsspektrum: Es umfasst zum einen komplexe zahnärztliche Eingriffe wie Zahnentfernungen, Zystenbehandlungen im Kiefer oder das Einsetzen von Zahnimplantaten, wenn nötig unter Vollnarkose. Zum anderen behandeln wir Kiefergelenkserkrankungen, wachstumsbedingte Kieferfehlbildungen, geburtliche Lippen- und Gaumenspalten sowie Kopfdeformitäten bei Säuglingen (Helmtherapie). Auch die Diagnostik und die Therapie von Krebserkrankungen und Schmerzbehandlungen im Bereich des Kiefers und der Mundschleimhäute gehören zu unseren Aufgaben. Und schliesslich führen wir auch Gesichtsrekonstruktionen nach Unfällen durch. Wir behandeln Patienten jeden Alters, vom Neugeborenen bis hin zu über 90-Jährigen.

«Wir sind rund um die Uhr da und übernehmen deshalb auch Notfallpatienten aus anderen Aargauer Spitälern.»

Stichwort Unfallchirurgie: Was sind die häufigsten Ursachen für Gesichtsverletzungen?

Brüche im Gesichtsbereich gehen oft auf Arbeits-, Verkehrs- oder Freizeitunfälle zurück. Letztere sind saisonabhängig. Im Winter sind es vor allem Schlittel- und Skiunfälle, im Sommer häufen sich Stürze mit Mountainbikes. Generell nehmen Unfälle mit E-Bikes zu. Hingegen sind Verkehrs- und Arbeitsunfälle seit einigen Jahren rückläufig. Deutlich zugenommen haben hingegen Stolperstürze bei der älteren Bevölkerungsgruppe. Die Patientinnen und Patienten stürzen beim nächtlichen Gang auf die Toilette, stolpern beim Rennen auf den Bus oder beim Spazieren und ziehen sich Gesichtsverletzungen zu.


Sind Verletzungen in Gesicht und Mund besonders heikel?

Gesichtsverletzungen haben häufig unangenehme Nebenerscheinungen: Kauen ist kaum möglich, Schlucken und Reden fällt schwer, und Schwellungen entstellen das Gesicht. Essen, Trinken, Schmecken und das gewohnte eigene Erscheinungsbild sind enorm wichtig für die Lebensqualität eines Menschen. Eine schwere Mittelgesichtsverletzung kann diese Fähigkeiten und diese Wahrnehmung stark beeinträchtigen, wenn auch meist auf absehbare Zeit. Bei einigen Verletzungen sind auch Notoperationen nötig. Blutergüsse im Bereich der Augenhöhle müssen schnell entlastet werden, um bleibende Sehschäden zu verhindern. Vereiterungen von Zähnen in der Mundhöhle können sich in den Hals ausweiten und die Atemwege verlegen. Solche Fälle müssen sehr rasch von Spezialisten beurteilt und behandelt werden. Dafür sind wir von der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im KSA sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Dienst.

Wie ist Ihr Teamaufgestellt, und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen und Spitälern?

Zurzeit sind wir sieben Fachärztinnen und -ärzte in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Wir teilen uns die 24 Stunden in Zweierteams im Schichtdienst. Zu Randzeiten und am Wochenende werden für die Diagnostik und die Behandlung auch Patientinnen und Patienten von umliegenden Spitälern überwiesen. In komplexen Fällen arbeiten wir im KSA eng mit den Spezialistinnen und Spezialisten der Nachbardisziplinen zusammen: mit der Ophthalmologie (Augenheilkunde), der plastischen Chirurgie, der HNO-Klinik (Hals-Nasen-Ohren-Klinik) sowie mit der Neurochirurgie im Bereich der Traumatologie, der Tumorchirurgie und Rekonstruktionen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Ausserdem haben wir für Sprechstunden, Ausbildung und Forschung einen Kooperationsvertrag mit dem Unispital Basel.

Haben Sie ein konkretes Fallbeispiel für die interdisziplinäre Zusammenarbeit am KSA?

Kürzlich wurde ein zehnjähriges Kind eingeliefert. Eine Schaukel hat es direkt im Gesicht getroffen. Die Lippen waren verletzt, die Oberkieferzähne waren alle eingeschlagen und mussten unter Narkose mit einer Schiene befestigt werden. Dabei unterstützten uns die Spezialistinnen und Spezialisten der Anästhesie sowie der Kinderchirurgie. Bei Nebendiagnosen wie beispielsweise einer Hirnerschütterung würde auch die Neurochirurgie beigezogen. Ältere Unfallpatientinnen und -patienten bringen häufig Grunderkrankungen wie Bluthochdruck oder Vorerkrankungen am Herz mit. Solche Fälle benötigen viel Fachwissen, und deshalb besprechen und definieren wir den Behandlungsablauf gemeinsam in interdisziplinären Teams.

Was sind die grössten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Wir sind sehr gut ausgerüstet und haben alles für den Notfall: Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRI) sowie Operationskapazitäten stehen jederzeit zur Verfügung. Im Bereich der computerassistierten und in 3D in Echtzeit navigierten Chirurgie sind wir innovativ unterwegs. Viele Behandlungen sind minimalinvasiv möglich. Das heisst, es braucht nur ganz kleine Schnitte. Ausserdem werden für Operationsplanungen 3D-Modelle gedruckt. Eine der grössten Herausforderungen ist sicherlich, den Patientinnen und Patienten zu erklären, wie man behandelt – ihnen die Angst zu nehmen und Zuversicht zu geben. Mir persönlich ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen und offen zu sein für ihre Fragen und ihre Bedürfnisse. Die Patientinnen und Patienten sollen sich ernst genommen fühlen.

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