Fokus Gesundheit

«Umfeld in die Behandlung einbeziehen»

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Angelo Bernardon, Chefarzt und Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), erläutert die vielschichtige Abklärung und Behandlung psychischer Erkrankungen in der Adoleszenz.

Zur Person

Dr. med. Angelo Bernardon, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie mit einem Executive MBA in General Management, ist seit September 2018 Chefarzt und Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie der PDAG sowie Mitglied der Geschäftsleitung. Davor war der 46-Jährige Ärztlicher Direktor des Sektors für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Freiburger Netzwerks für Psychische Gesundheit. Ab 2006 war er an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich als Oberarzt und von 2009 bis 2015 als Leitender Arzt und Mitglied der Geschäftsleitung tätig.

Warum sind Jugendliche besonders anfällig für psychische Störungen? Angelo Bernardon: Unsere Entwicklung ist von Veränderungen und Übergängen in neue Lebensphasen geprägt. In der Adoleszenz kommt es durch die weitreichenden körperlichen und psychosozialen Veränderungen zu einer Verdichtung von Herausforderungen. Dies macht uns – so die Theorie – verletzlicher für psychische Erkrankungen. Die einzelnen Facetten der Persönlichkeit zu integrieren, kombiniert mit den neurobiologischen und psychosozialen Rahmenbedingungen, ist auch für gesunde Jugendliche nicht einfach.

In welchen Fällen ist bei Jugendlichen eine psychiatrische Abklärung und Behandlung angezeigt? Es ist wichtig, Auffälligkeiten ernst zu nehmen und zu hinterfragen, ob es sich um eine kurzfristige Veränderung der Befindlichkeit oder um eine tiefgreifende Problematik handelt. So können Jugendliche plötzlich durch ein verändertes Leistungsverhalten in der Schule oder Interessensverlust auffallen. Weitere Hinweise können sein, wenn Jugendliche zu Hause zuvor selbstverständliche Alltagstätigkeiten nicht mehr wahrnehmen, sich vermehrt zurückziehen oder ihre Hobbys aufgeben. Eltern sollten Jugendliche auf diese Veränderungen ansprechen. Ob eine eingehende Abklärung und Behandlung notwendig ist, muss eine Fachperson mit den Jugendlichen und den Familien klären.

Worin unterscheiden sich die psychiatrischen Behandlungen von Jugendlichen und Erwachsenen? Die Abklärung und Behandlung unter ärztlicher Endverantwortung sind sehr interdisziplinär und die Aufgaben gegenüber den noch minderjährigen Patienten vielschichtiger als bei Erwachsenen. So müssen entwicklungspsychopathologische und soziokulturelle Sichtweisen in der Bewertung und Behandlung einer psychischen Symptomatik berücksichtigt werden. Selbst die äusseren Anzeichen des gleichen Krankheitsbildes unterscheiden sich mitunter bei Jugendlichen und Erwachsenen.

Welche Rolle spielt das Umfeld? Wir müssen das Umfeld der Jugendlichen in die Behandlung sowie in die begleitenden und vermittelnden Massnahmen miteinbeziehen. Eltern und auch die Schule sind mitverantwortlich für das Gelingen einer positiven Entwicklung. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie übernimmt darüber hinaus wichtige Kindesschutzaufgaben. Bei stationären Aufenthalten stellen wir ein förderndes Umfeld mit sozial- und heilpädagogischen Strukturen als Ergänzung zu den ärztlichen und psychologischen Interventionen bereit.

Wo liegen die Spezialisierungen Ihrer Klinik? Die Stärke der Klinik liegt sicher in unserer Interdisziplinarität und unseren Kooperationen mit anderen Fachpersonen und Institutionen zum Wohl der Patienten und deren Familien. Ein weiteres Plus liegt in der Zusammenarbeit mit den Kliniken innerhalb der PDAG bei besonderen Fragestellungen. Insgesamt bietet unsere Klinik das ganze Spektrum der Grundversorgung und der spezialisierten Versorgung an. In den letzten Jahren haben sich zudem Spezialangebote im Bereich Autismus-Abklärung und im Kleinkindbereich etabliert. Weiter zeichnen uns Aus- und Weiterbildung verschiedener Berufsgruppen als Lehrspital der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich sowie Präventionsarbeit und Kindesschutz aus.

Welchen Beitrag leisten Sie an die Versorgung der Bevölkerung? Unsere Klinik ist aktuell in der glücklichen Lage, die ganze Behandlungskette für Kinder, Jugendliche und deren Familien anzubieten. Wir decken mit unseren Ambulatorien die Regionen des Kantons Aargau ab. Zudem haben wir konsiliarische Angebote in kantonalen Partnerspitälern und Institutionen sowie ein tagesklinisches und vollstationäres Angebot mit einer integrierten Klinikschule. Viele unserer Mitarbeitenden engagieren sich in der Prävention und übernehmen auch Ausbildungsaufgaben.

Welche Entwicklungen sehen Sie in Ihrer Klinik? Im letzten Jahr haben wir im Rahmen einer Neuorganisation der klinischen Angebote vier klinische Bereiche definiert und ihnen Entwicklungsaufgaben zur Verbesserung bestehender und zur Bereitstellung neuer Angebote erteilt. Gerade im ambulanten wohnortnahen Bereich sehen wir, dass wir trotz des grossen Engagements unserer Mitarbeitenden dem Bedarf nicht vollständig gerecht werden. In der aufsuchenden Arbeit bauen wir in Zusammenarbeit mit unseren Partnerkliniken innerhalb der PDAG und anderen Organisationen das Home Treatment für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen aus.

Weitere Informationen

Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie
und Psychotherapie der PDAG, Telefon
056 462 20 10, kj.zentrale@pdag.ch,
www.pdag.ch.

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