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Die Beziehung zu den Patienten ist zentral

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Vor rund neun Monaten übernahm Aline Montandon die Leitung Pflege, Fachtherapien und Sozialdienst bei den PDAG. Bereits hat sie einiges umgesetzt, um den Fachbereich und die Mitarbeitenden gezielt, aber flexibel weiterzuentwickeln.

Es ist Montagmorgen kurz vor acht Uhr. Eigentlich wäre schon die Sonne über dem Areal Königsfelden aufgegangen, doch heute wird sie von dicken Regenwolken verdeckt. Dennoch hört man durch das geöffnete Fenster Vögel zwitschern. Aline Montandon, Leiterin Pflege, Fachtherapien und Sozialdienst (PFS) und Mitglied der Geschäftsleitung der Psychiatrischen Dienste Aargau AG (PDAG), räumt in ihrem Büro gerade Dokumente zur Seite, druckt noch eine Seite mit Notizen aus und trinkt dabei ihren Kaffee. In wenigen Minuten beginnt die Sitzung mit den Fachbereichsverantwortlichen.

Landesweiter Fachkräftemangel
Mario Müller, Leiter Bildung Pflege, Maurizio Deganello, Leiter Pflegeentwicklung, und Roland Hirrlinger, Instruktor Deeskalationsmanagement, treffen ein. Sie nehmen am gläsernen Sitzungstisch Platz, Aline Montandon eröffnet die Sitzung. Seit längerem herrscht ein Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Deshalb versucht man schweizweit, rund 25 Prozent mehr Pflegepersonal zu gewinnen. Auch die PDAG leisten ihren Beitrag: Jährlich bilden sie gut 30 neue Fachkräfte in der Pflege aus. Zudem gibt es ein Ausbildungsprogramm für Quereinsteiger. Die Pflegemitarbeitenden sind mit fast 40 Prozent die grösste Berufsgruppe der PDAG. «Mit attraktiven Rahmenbedingungen versuchen wir, auf ihre individuellen Bedürfnisse einzugehen», sagt Aline Montandon. Konkret spricht sie von Teilzeitarbeit, In-House-Weiterbildungen und dem intern erarbeiteten Karrieremodell, unbezahltem Urlaub und der Kindertagesstätte «Villa Rägeboge ». Mario Müller bestätigt und ergänzt: «Wir ermöglichen den Pflegefachpersonen auch, nach der Ausbildung bei uns weiterzuarbeiten.» Weil die vier Kliniken der PDAG ganz unterschiedliche Fachgebiete und Schwerpunkte haben, sei es das Ziel, die Stellen mit den passenden Fachpersonen zu besetzen: Die Mitarbeitenden sollen entsprechend ihren Fähigkeiten und Interessen eingesetzt werden. Ausserdem ist es wichtig, die Kernkompetenzen der psychiatrischen Pflege wie die Beziehungsgestaltung zu stärken und fachfremde Tätigkeiten abzugeben, etwa die Medikamentenbewirtschaftung auf der Station an die darauf spezialisierten Pharma-Assistentinnen.

Mehrheitlich Soft Skills
Explizit mit der Pflegeentwicklung beschäftigt sich Maurizio Deganello. Um Patienten beim Bewältigen ihrer Krankheit zu stärken, brauche es fachliches Feingefühl, Geduld, Verständnis und Interesse an der Person mit ihrer Biografie, betont er. Aline Montandon bekräftigt: «Die Sprache und die Beziehungsgestaltung sind die wichtigsten Werkzeuge.» Man müsse nicht nur hören, was, sondern auch wie etwas gesagt werde. «Mir ist ganz wichtig, dass wir mit den Patienten auf Augenhöhe kommunizieren und einen wertschätzenden Umgang pflegen. Gerade weil sie sich in einer speziellen Situation befinden. » Nur so sei es etwa möglich, mit einem Patienten gemeinsame Ziele zu definieren. Auch wenn vieles subjektiv wirken mag, ist die Arbeit fachlich abgestützt. Je nach Behandlungsauftrag werden unterschiedliche Einschätzungsinstrumente, Theorien oder Modelle angewendet. Maurizio Deganello greift das Gesagte auf: «So können wir die hohe Qualität in der Pflege sichern und garantieren.»

Gewaltfreie Kommunikation
«Dafür muss das Pflegefachpersonal auch entsprechend ausgebildet sein», ergreift Roland Hirrlinger das Wort. Die Arbeit in einer psychiatrischen Klinik sei zwar enorm spannend, könne aber auch intensiv sein. Die Pflegefachpersonen müssten im Umgang mit Patienten ruhig bleiben, selbst wenn diese unzufrieden sind oder gar aggressiv auftreten. Der Schlüsselbegriff sei gewaltfreie Kommunikation. Die anderen drei stimmen zu. Aline Montandon führt aus: «Eine Ausnahmesituation kann bei den Pflegefachpersonen auch immer Angst auslösen. Dies führt dazu, dass keine tragfähige Beziehung mehr aufgebaut werden kann, was aber eine zentrale Rolle im professionellen Umgang mit Patienten ist.» Hirrlinger konkretisiert: «Mein Ziel ist, das Personal zu befähigen und dessen Fähigkeiten weiterzuentwickeln, damit es solche Situationen ohne Angst managen kann.» Dennoch sei er sich bewusst, dass auch eine Deeskalationsschulung nicht auf alles vorbereiten kann. Deshalb werden schwierige Situationen im Team nachbesprochen und bei Bedarf können weitere Gefässe wie das Care Team oder das Ethikforum genutzt werden.

Nähe und Distanz
Aline Montandon erklärt, dass die Professionalität im Vordergrund steht, auch wenn Patienten die Beziehung zu einer Pflegefachperson abbrechen oder sich nicht an Abmachungen halten. Man dürfe das nicht persönlich nehmen. Dann fasst sie die Sitzung zusammen: «Unsere Mitarbeitenden wissen, wie sie mit Patienten umgehen sollen. Durch unsere spezialisierte Aus- und Weiterbildung werden sie fachlich gestärkt und geschult im praktischen Umgang. Sowohl die Beziehungsgestaltung mit den Patienten als auch ein guter Teamgeist sind für die alltägliche Arbeit wichtig.» Dann verabschiedet sie sich von den drei Fachbereichsverantwortlichen. Es steht bereits die nächste Sitzung an. Aline Montandon schliesst das Fenster und macht sich auf den Weg.

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