Die Ausgangslage im Kanton Appenzell Ausserrhoden

  • Nationalrat: 1 Sitz, (bisher David Zuberbühler, SVP), keine Rücktritte
  • Ständerat: 1 Sitz, (bisher Andrea Caroni, FDP), keine Rücktritte

Eine kriselnde SVP gegen eine FDP, die sich das Leben selber schwermacht. Ein um seine Wiederwahl zitternder Nationalrat gegen eine Last-Minute-Kandidatin, die nur wenige kennen. Dazu die SP, die dem Freisinn aus der Patsche helfen will. Das Rennen um den einzigen Ausserrhoder Sitz in der grossen Kammer ist auch für Appenzeller Verhältnisse wunderlich.

Erster Hauptdarsteller im Ausserrhoder Wahldrama ist der Herisauer SVP-Politiker und Unternehmer David Zuberbühler. «Dä Zubi», wie er sich nennt, politisiert seit vier Jahren in Bern. Der Nationalrat möchte eine zweite Legislatur anhängen. Allerdings weiss er, dass es trotz Amtsbonus eng werden dürfte. Gegner werfen ihm vor, ein politisches Leichtgewicht in Bern zu sein. Zudem hat er Mühe, seine Wählerbasis zu vergrössern. Er hat mehrfach versucht, sich von der in Ausserrhoden nicht sonderlich beliebten Mutterpartei zu distanzieren. So kritisierte er zuletzt das Würmliplakat stark.

Aber im traditionell liberalen Kanton ist nicht unbemerkt geblieben, dass er im Nationalrat stramm rechts wählt. Im Parlamentarierrating der NZZ findet man den Herisauer, der Mitglied der Parteileitung der SVP Schweiz ist, rechts von Ulrich Giezendanner und Heinz Brand. Erschwerend für Zuberbühler kommt hinzu, dass die SVP Ausserrhoden wie die Mutterpartei im Formtief steckt. Bei den Gesamterneuerungswahlen Anfang 2019 verlor sie auf einen Schlag fünf der zwölf Kantonsratssitze und ist damit nur noch die viertstärkste Kraft.

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Vabanquespiel der Freisinnigen

Die zweite Hauptdarstellerin heisst Jennifer Abderhalden. Viele im Kanton können mit diesem Namen noch wenig anfangen. Die 41-jährige FDP-Kandidatin dürfte aber vom Frauenboom profitieren, vor allem da sie Vorstandsmitglied der Ausserrhoder Frauenzentrale ist. Allerdings hat Abderhalden unter der Strategie des Freisinns zu leiden, der im Wahlkampf bislang einen eher glücklosen Eindruck hinterlassen hat. Ihr blieben nur gerade zwei Monate, um sich bekannt zu machen, denn die Nomination erfolgte erst Mitte August.

Schuld daran hat das Vabanquespiel der FDP. Die viele Jahrzehnte alles dominierende und auch heute noch stärkste Ausserrhoder Partei war nahe dran gewesen, im entscheidenden Moment zu versagen. 2015 erlitt sie eine bittere Niederlage im Kampf um den Nationalratssitz, die arg am Selbstverständnis der ehemaligen Staatspartei rüttelte. Vier Jahre hatte sie Zeit, um sich auf die Mission Rückeroberung vorzubereiten. Schliesslich musste sich die Partei glücklich schätzen, überhaupt antreten zu können.

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Die FDP liess 2019 lange offen, mit wem sie ins Rennen steigen wollte. Mantramässig wiederholte sie, mehrere Kandidaten stünden zur Verfügung. Dann verschob sie die Nomination überraschend auf Anfang August, mit einer wenig überzeugenden Begründung: Man wolle das Parteifest mit Ignazio Cassis für die Lancierung nutzen. Nach den Sommerferien war klar, dass dies nicht ganz der Wahrheit entsprach. Die FDP hatte auf ihre Spitzenkandidatin warten wollen. Daniela Merz, Schwiegertochter von alt Bundesrat Hans-Rudolf Merz, musste sich einer Operation unterziehen. Sie verzichtete Anfang August wegen Komplikationen auf ihre Kandidatur. Die Parteileitung stand vor dem Nichts. Nach kurzer Bedenkzeit sprang Abderhalden als Retterin ein.

SP verzichtet auf eigene Kandidatur

Dass diese nun doch noch Chancen auf einen Wahlsieg hat, liegt vor allem an den Linken im Kanton. Die SP hat sich auf die Fahne geschrieben, die Wiederwahl von David Zuberbühler mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln verhindern zu wollen. Sie wirft ihm unter anderem vor, ein Klimaleugner zu sein. Die Abneigung ist derart gross, dass die SP trotz parteiinterner Kritik eine Allianz mit der FDP eingegangen ist. Die Sozialdemokraten verzichten sogar auf eigene Kandidatur, um das Anti-Zuberbühler-Lager nicht zu spalten. Falls dieser Coup gelingt, verhilft aber ausgerechnet die SP der FDP dazu, die beiden einzigen Ausserrhoder Sitze im Bundesparlament (1 Nationalrat, 1 Ständerat) zu besetzen. Und eine solche Übervertretung des Freisinns hatten die Linken in der Vergangenheit regelmässig kritisiert. Doch im Ausserrhoder Wahldrama verwundert fast nichts mehr.

Die Ausgangslage im Kanton Appenzell Innerrhoden

  • Nationalrat: 1 Sitz, (bisher Daniel Fässler, CVP), Rücktritt: Daniel Fässler (CVP). Er ist in den Ständerat gewählt worden.
  • Ständerat: 1 Sitz, (bisher Daniel Fässler, CVP). Er ist nach dem Rücktritt von Ivo Bischofberger (CVP) nachgerückt.

Das gab es im Kanton Appenzell Innerrhoden schon lange nicht mehr: Vier namhafte Kandidaten kämpfen am 20. Oktober um den frei gewordenen Sitz von Daniel Fässler im Nationalrat. Diese Auswahl ist ungewöhnlich. Zumindest, wenn man auf die Jahre 2015 und 2011 zurückblickt, in denen Fässler stets leichtes Spiel hatte. Beide Male wurde er von SP-Mann Martin Pfister herausgefordert, der auch 2019 wieder kandidiert. Gegen den damaligen Landammann (Regierungschef) war Pfister jedoch chancenlos. 2019 ist das Kandidatenfeld breiter gefächert – zum Vorteil vor allem der SVP.

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Zwei Regierungsmitglieder treten gegeneinander an

Bislang waren die Innerrhoder Vertreter im Bundesparlament fast ausschliesslich amtierende oder ehemalige Mitglieder der Standeskommission (Regierung). Diese Tradition könnte sich fortsetzen: 2019 wollen gleich zwei Regierungsmitglieder nach Bern. Die 50-jährige Frau Statthalter (Gesundheits- und Sozialdirektorin) Antonia Fässler könnte dabei vor allem vom Frauenbonus profitieren: Wird sie gewählt, wäre sie die erste Innerrhoderin im Bundesparlament.

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Der zweite Kandidat aus den Reihen der Regierung ist Säckelmeister (Finanzdirektor) Ruedi Eberle (SVP). Er bringt zwar nicht gleich viel Regierungserfahrung mit wie Fässler, die seit neun Jahren in der Standeskommission sitzt, dennoch ist der 52-jährige Geschäftsführer des Golfplatzes Gonten in der Innerrhoder Politik kein unbeschriebenes Blatt: Bevor es 2018 beim dritten Anlauf mit der Wahl in die Regierung klappte, politisierte der gebürtige St.Galler Oberländer im Grossen Rat wie auch im Bezirksrat (Gemeinderat).

Sowohl Fässler als auch Eberle würden bei einer Wahl in den Nationalrat ihr Mandat in der Standeskommission beibehalten. In Innerrhoden ist das möglich, weil die Regierungsämter keine Vollämter sind.

Kandidatur auch ohne Parteinomination

Eberles Partei, die SVP, ist in Innerrhoden bisher wenig in Erscheinung getreten. Dominierend ist seit jeher die CVP. So sind auch der Innerrhoder National- sowie der Ständeratssitz seit Jahrzehnten in CVP-Hand. Die diesjährige Ausgangslage bringt die Christlichdemokraten jedoch in eine ungemütliche Situation. An der Nominationsversammlung Ende August präsentierte die Partei neben Antonia Fässler auch alt Säckelmeister Thomas Rechsteiner als Kandidaten. Der 47-jährige Versicherungsfachmann bringt langjährige politische wie auch unternehmerische Erfahrung mit.

Letztlich entschied sich die Parteibasis mit deutlicher Mehrheit für Antonia Fässler. Rechsteiner jedoch kündigte bereits im Vorfeld – genauso wie seine parteiinterne Gegnerin – an, dass er seine Kandidatur auch ohne Nomination der CVP aufrechterhalten werde. Unterstützung bekommt Rechsteiner vom kantonalen Gewerbeverband. Dies könnte ihm einen Vorteil verschaffen, denn das Innerrhoder Gewerbe hat – wie alle übrigen kantonalen Verbände – eine starke politische Stimme.

Die CVP wird im Wahlkampf doppelt präsent sein, die Stimmen zwischen Rechsteiner und Fässler werden sich aufsplitten. Davon profitieren könnte letztlich Ruedi Eberle. Denn der vierte Kandidat, SP-Parteipräsident Martin Pfister, wird auch 2019 chancenlos bleiben. Als «radikaler Linker», wie ihn die Innerrhoder Lokalzeitung «Appenzeller Volksfreund» bezeichnete, hat er die grosse Mehrheit des konservativ geprägten Kantons gegen sich. Seine 2012 gegründete SP AI zählt lediglich 18 Mitglieder. Dennoch könnte das Wahlergebnis 2019 für Pfister weniger deutlich ausfallen als in den Jahren zuvor.

Die Video-Analyse von Redaktionsleiter David Scarano:

Die Ausgangslagen in den anderen Ostschweizer Kantonen: