Schönenwerd, Aarau und die Bally-Schuhfabrik

Schuhgeschichte(n)

Bild: Helen Dietsche

Die Bally- Geschichte prägt ihr Leben: Edith Huber-Haus, Tony Frey und Philipp Abegg.

Bild: Helen Dietsche

Um den Besuch im Bally-Museum in Schönenwerd zu beschreiben, fehlt der Platz auf dieser Seite. Deshalb hier die Kurzversion: Viele schöne Schuhe, der Geruch von Leder und das Rattern von alten Maschinen lassen die längst vergangene Industriegeschichte wieder aufleben. Möglich machen das Menschen wie Edith Huber-Haus, Tony Frei oder Philipp Abegg.

Edith Huber-Haus unterstützt als Gönnerin den Verein Ballyana und hat vor vier Jahren die schönen Bally-Schuhe ihrer verstorbenen Mutter dem Museum vermacht, Tony Frey ist Kassier des Vereins Ballyana und amtet als Archivar im Museum und Philipp Abegg ist Präsident des Stiftungsrates.

«Mit Stolz trug ich meine Mädchenschuhe»
Edith Huber-Haus ist die Tochter des Werkmeisters der ehemaligen Bally-Fabrik in Aarau. Sie freut sich, dass die Schuhe ihrer Mutter zur Sammlung im Museum gehören. «Zu Lebzeiten meiner Mutter wäre die Schenkung der Schuhe nicht möglich gewesen. Zum einen, weil meine Mutter fast nicht verstehen konnte, dass ihre getragenen Schuhe museumswürdig sind, und zum anderen, weil sie die Schuhe immer wieder angeschaut hat. Kein Wunder: Waren doch einzelne Paare Unikate, gefertigt in Handarbeit von meinem Vater Karl Haus. Wenn in der Werkstatt ein Schaft nicht mehr gebraucht wurde, hat mein Vater daraus neue Schuhe für meine Mutter geschustert und sie damit überrascht. Schade, dass sie mir nie gepasst haben, meine Mutter hatte kleinere Füsse.»

Als gelernte Schuhverkäuferin hat Edith Huber-Haus auch heute noch ein Auge für Schuhe: «Ich freue mich immer, wenn ich schöne, aber auch gut sitzende Schuhe sehe – meine eigenen sind zwar inzwischen mehr praktisch als schön.» Den Blick fürs Schuhwerk hat sich Edith Hauser-Haus schon in jungen Jahren angeeignet: «Mit Stolz trug ich meine Mädchenschuhe, die mir mein Vater heimgebracht hat, so wie eine meiner Schulkolleginnen ihre auch. Ihr Vater arbeitet allerdings bei ‹Fretz› (heute Fretz Men AG). Was die Schuhe betraf, waren wir richtige Konkurrentinnen. Beide waren wir überzeugt, dass der eigene Vater die schöneren und besseren Schuhe macht. Leider ist sie bereits verstorben. Heute hätte sie vermutlich die besseren Karten in der Hand: Bally ist aus dem Aargau verschwunden, Fretz Men hingegen ist nach wie vor erfolgreich auf dem Markt.»


«Wir sammeln alles, wo Bally draufsteht»
Tony Frey ist Museumsführer mit Leib und Seele, kennt die Herkunft vieler Ausstellungsstücke und ihre Geschichten. Beinahe wöchentlich melden sich Leute im Museum, die beim Aufräumen Bally-Artikel finden. Ihn freuts: «Wir sammeln alles, wo Bally draufsteht.» Eines der vielen Exponate gefällt ihm ganz besonders: ein brauner Herrenschuh. Er steht in einer Holzkiste mit einem Plexiglasdeckel, im Deckel hat es einen Schieber. Wenn man ihn öffnet, kann man durch ein Loch im Deckel die Nase ins Innere der Kiste stecken und den unverkennbaren Duft von Lederschuhen riechen. «Dieser Herrenschuh ist über 45 Jahre alt, wurde nie getragen und er ist perfekt verarbeitet.» Neben dem Archivieren und den Führungen kümmert sich Tony Frey auch um den Gönnerverein: «Der Jahresbeitrag beträgt 20 Franken und Einzelne runden den Betrag jeweils grosszügig auf. Das hilft uns enorm, denn zusammen mit den Eintrittsgeldern und den Einnahmen der Führungen begleichen wir damit die Miete für das Museum.»

«Ich wurde mit dem Bally-Gen geboren»
Philipp Abegg ist in Schönenwerd aufgewachsen, sein Vater, Gross- und Urgrossvater haben bei Bally gearbeitet und seine Grossmutter stammt aus der Bally-Familie. «Ich bin quasi in Bally-Schuhen gross geworden. Dass wir mit unserem Museum im Grossraum Aargau eine wohl einzigartige Industrie-Kulturgeschichte schreiben, freut mich. Wenn man die Schweiz und somit auch den Kanton Aargau mit den grossen Industrienationen wie Frankreich oder England vergleicht, so hinken wir beim Erhalt und der Wertschätzung der industriellen Zeitzeugen deutlich hinterher. Mit dem Themenjahr #ZeitsprungIndustrie werden die Weichen in die richtige Richtung gestellt», so Philipp Abegg. Im Rahmen der Kampagne werden ab 29. Oktober 2019 in der Sonderausstellung «Bally Monsieur» ausgesuchte Modelle von Herrenschuhen gezeigt. Die Vernissage findet um 18.30 Uhr statt.

Gibt es einen Schuh, den Philipp Abegg gerne tragen würde? Er zögert nicht lange und greift nach einem braunen «Scribe» aus den 1990er-Jahren. «Es ist ein klassisches Herrenmodell, das von der Form her auch heute noch so zu kaufen ist. Schade, dass die Schuhe nicht mehr in Schönenwerd produziert werden.»

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