«Vor zehn Jahren hat man Prostata-Tumore zu früh und zu aggressiv behandelt. Heute besteht die Gefahr der Verharmlosung. Das macht mir Sorgen», sagt Kurt Lehmann, Leitender Arzt Urologie im Kantonsspital Baden (KSB). Ähnlich ist die Gemütslage bei seinem Kollegen Franz Recker, Chefarzt Urologie im Kantonsspital Aarau (KSA). «Nicht jeder früh erkannte Tumor muss therapiert, aber der behandlungswürdige Tumor muss früh erkannt werden», betont er. Denn früh erkannt ist Prostata-Krebs meistens heilbar.
In beiden Spitälern werden 30 bis 40 Prozent der jährlich insgesamt etwa 400 neu diagnostizierten Prostata-Krebspatienten «kontrolliert beobachtet », das heisst regelmässig beobachtet, aber nicht therapiert. 70 Prozent davon werden nie behandelt. Die Patienten haben zwar Tumorzellen in der Prostata, diese wachsen aber nur sehr langsam und sind harmlos. Der «behandlungswürdige Tumor» hingegen wird meist operativ entfernt oder bestrahlt. Junge Männer werden eher operiert, ältere (ab ca. 65) eher bestrahlt. Operation und Bestrahlung können auch kombiniert angewendet werden, was hauptsächlich bei grossen Tumoren der Fall ist. Nebenwirkungen sind vor allem Inkontinenz und Impotenz.
«Bei uns brauchen 90 bis 95 Prozent der operierten Patienten keine Windeln », sagt Recker. Bei einem Drittel der Patienten verursache der Eingriff auch keine Potenzprobleme; den anderen könnten Potenzmittel helfen.

Expertenwissen bündeln
Bei den interdisziplinären Tumor Boards besprechen die verschiedenen Experten die individuell besten Optionen für ihre Patienten. «Häufig sind wir uns einig», sagt Stephan Bodis, Chefarzt und Leiter des Radio-Onkologie Zentrums KSA-KSB. «Wenn nicht, streiten wir solange, bis wir die für den Patienten beste Lösung gefunden haben.» Es sei sehr wichtig, dass die Patienten fair aufgeklärt werden, betont Bodis: Vom Urologen über die OP, vom Radio- Onkologen über die Bestrahlung. Wenn wir diese Aufklärung fair machen, hat der Patient zwei Optionen. Wenn wir sie schlecht machen, kann er tagelang nicht schlafen.» Dabei sei die Heilungschance im frühen Stadium gross, so Bodis weiter. «Und selbst wenn der Tumor bereits Metastasen gebildet hat, meistens in den Knochen, können wir Patienten oft so behandeln, dass sie eine gute Lebensqualität haben.»
Doch nicht immer gelingt das: Jedes Jahr sterben in der Schweiz 1300 Männer an Prostata-Krebs – fast so viele wie Frauen an Brustkrebs (1350).
Das ist kein Grund zur übertriebenen Sorge. «Meistens ist der Tumor klar begrenzt und wächst sehr langsam», erklärt Lehmann. «Wir können auf bis zu zehn Jahre hinaus ziemlich genau vorhersagen, bei wem die Krankheit ausbricht und bei wem nicht.» Entsprechend könne entschieden werden, ob eine Behandlung sinnvoll ist. Denn oft ist sie das nicht, sagt Bodis. «Die Hälfte der 60-Jährigen und 80 bis 90 Prozent der 90-Jährigen haben einen Prostata- Tumor. Häufig ohne dass er Probleme macht.» Deshalb, so Recker, gehe es darum, herauszufinden, wer einen Tumor entwickeln wird, der tödlich ist – und nur jene Patienten zu behandeln, die es wirklich nötig haben und nicht an den Operationsfolgen mehr leiden als am Karzinom selbst. «Es ist wichtig, dass wir wegkommen von der Vorsorge für alle, hin zur Vorsorge für Risikogruppen. » Eine neu entwickelte App könnte beim Erreichen dieses Zieles helfen (siehe Artikel unten).
Alle drei Experten raten zur individuellen Früherkennung. «Dank regelmässiger Vorsorgeuntersuchungen konnten wir die Todesrate in den letzen zehn Jahren um 40 Prozent senken», sagen sie. Die Vorsorgeuntersuchung mache aber nur Sinn, wenn man auch für eine Therapie bereit sei. Um dies abzuwägen, müsse man über das Krankheitsbild und die möglichen Nebenwirkungen einer Therapie Bescheid wissen. «Wir brauchen den informierten Mann», sagt Recker. «Männer müssen ein Bewusstsein bilden und Pro und Kontra abwägen.»

Therapien werden immer besser
Die Vorsorgeuntersuchung gilt als sinnvoll für Männer zwischen 50 und 70; bei erblichen Vorbelastungen empfiehlt sich der erste Test schon ab 45. Zunächst genügt ein Bluttest zur Bestimmung des PSA-Gehalts («prostata-spezifischen Antigen»); das Abtasten durch den Darm gibt zusätzliche Informationen. Bei Verdacht auf Prostata-Krebs erfolgt unter örtlicher Betäubung die Entnahme einer Gewebeprobe durch den Enddarm, die sogenannte Biopsie.
In den letzten Jahren ist die Entwicklung verbesserter Therapien weit vorangeschritten. So hat das KSA bereits über 1000 Eingriffe mit dem DaVinci- Roboter vorgenommen. Dank dieser nerven- und gefässschonenden Methode sind die Patienten laut Reckerschneller wieder fit. Das gelte auch für die modernen Bestrahlungsgeräte, so Bodis, die «Michelangelo»-Linearbeschleuniger, wie er sie nennt.
Und die Entwicklung geht weiter. Eine neue, vielleicht noch schonendere Methode, die sogenannte fokale Therapie, wird womöglich schon dieses Jahr im KSB angeboten. Die Methode habe weniger Nebenwirkungen als eine Kompletentnahme der Prostata oder deren Bestrahlung, so Lehmann. Insbesondere die Gefahr der Impotenz und Inkontinenz sei deutlich geringer, zumindest nach dem heutigen Kenntnisstand. «Man ist nach der fokalen Therapie nicht unbedingt geheilt», erklärt Lehmann, «aber der Tumor wird auf ein harmloses Niveau reduziert, sodass er danach zehn, fünfzehn Jahre lang keine Probleme macht.» Deshalb sei die fokale Therapie insbesondere für ältere Menschen interessant. Für sehr aggressive Tumore hingegen sei sie wohl nicht das Mittel der Wahl.

Autor: Andreas Krebs


App und Äpfel

Bewegung und gesunde Ernährung können Prostata-Krebs vorbeugen. Und eine neue App verhindert unnötige Abklärungen.

Statt eines kräftigen Strahls tröpfelt ein müdes Rinnsal ins WC? Dann ist meist eine Vergrösserung oder Erkrankung der Prostata schuld. Betroffene müssen nachts öfters aufstehen zum Wasserlassen; meist fällt es ihnen auch schwer, die Blase völlig zu entleeren. Am häufigsten ist die gutartige Vergrösserung der Prostata, die Benigne Prostata-Hyperplasie (BHP), volkstümlich als Alters- Prostata bekannt. Dagegen können pflanzliche Präparate helfen, Extrakte der Sägepalmenfrüchte und der Brennnesselwurzel zum Beispiel oder Kürbiskerne – die schmecken erst noch lecker. Die Prostatitis ist eine akute oder chronische Entzündung der Prostata und wird meist mit Antibiotika behandelt. Grundsätzlich gilt, wärmende Kleidung zu tragen, vor allem im Beckenbereich. Bäder mit Schachtelhalm oder Lavendel entspannen und bringen Erleichterung bei Brennen und Harndrang. Weidenröschen-Tee wirkt entzündungshemmend. Die dritte Erkrankungsart ist die maligne, also bösartige, Form; der Prostata-Krebs, der in unterschiedlichen Schwereformen und Entwicklungsstadien auftritt. Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor. 8 Prozent der männlichen Bevölkerung leiden, 4 Prozent sterben daran. Bei Männern, deren Väter oder Brüder Prostatakrebs haben, verdoppelt sich das Risiko. Viel Gemüse und Früchte helfen beim Vorbeugen ebenso wie regelmässige Bewegung und Sonnenbaden (baden, nicht brutzeln!). Zu den Risikofaktoren gehören hoher Konsum von rotem Fleisch, Rauchen und Übergewicht. Die Früherkennung kann lebensrettend sein. Deshalb hat die Stiftung Prostatakrebsforschung Schweiz zusammen mit Experten des KSA eine Prostata- Check-App entwickelt. Diese berechnet die Wahrscheinlichkeit eines behandlungswürdigen Tumors; zudem kann damit das Kontrollintervall auf bis zu sieben Jahre verlängert werden. Die eigens entwickelten Algorithmen beruhen auf der längsten und umfangreichsten Vorsorge- Studie im deutschsprachigen Raum (14 Jahre, über 10 000 Teilnehmer). Die kostenpflichtige Prostata-Check-App kann ab 3 Franken in den App Stores von Apple und Android heruntergeladen werden. (KREA)