Kann Architektur heilen? «Ja sie kann», sagt Christine Nickl-Weller, Professorin am Institut für Architektur an der Technischen Universität Berlin im Fachgebiet «Healing Architecture». Mit ihrem Architekturbüro hat sie schon zahlreiche Spitäler auf der ganzen Welt gebaut. Nun liegt ihr Fokus auf dem Neubau des Kantonsspitals Baden (KSB), dessen Inbetriebnahme für das Jahr 2022 vorgesehen ist. Im Interview erklärt sie, wie die heilende Architektur beim KSB-Neubau angewandt wird.

Frau Nickl-Weller, wie muss ein Spital für die Zukunft gebaut sein?

Das zukunftsfähige Spital ist flexibel, patienten- und mitarbeiterfreundlich und gut vernetzt. Nicht alle diese Kriterien können wir Architekten beeinflussen, doch wir sollten ihrer bewusst sein. Das starre Gefüge des streng in Hoheitsgebiete einzelner Chefärzte aufgeteilten Spitals ist definitiv passé. Heute wird, und hier habe ich das KSB als sehr zukunftsorientiert erlebt, zunehmend interdisziplinär gearbeitet.

Was heisst das für die Architekten?

Bereits im Entwurf des Gebäuderasters müssen wir mögliche Veränderungen in der Raumaufteilung einplanen. Haustechnik, Medizintechnik und Rohbau entkoppeln wir so, dass flexible Anpassungen an medizinische Fortschritte ohne grössere Eingriffe in die Gebäudestruktur möglich sind.

So viel zur Flexibilität. Was genau verstehen Sie unter Patienten- und Mitarbeiterfreundlichkeit?

Studien belegen, dass die gebaute Umgebung Auswirkungen auf die Genesung, beispielsweise auf Schmerzempfinden oder Schlafverhalten, aber auch auf Effizienz und Leistung des Personals hat. Es bleibt jedoch immer eine grosse Herausforderung, aus den einzelnen Erkenntnissen für das jeweilige Projekt die besten Lösungen zu finden.

Wie finden Sie die besten Lösungen für den KSB-Neubau?

Der Standort ist ganz wichtig. Hier hat das KSB mit seiner naturnahen Umgebung grosse Vorteile. Diese wollen wir ausnutzen. Der Neubau wird insgesamt bloss sieben Stockwerke umfassen. Das heisst, der monumentale Altbau mit seinen langen, künstlich beleuchteten Korridoren weicht einem leichten, der Landschaft angepassten Neubau. Die Umgebung soll sich in den Innenräumen spiegeln. Grosse und helle Räume wollen wir bauen. Mit passenden Farben und möglichst für die Patienten unsichtbarer Medizintechnik. Im neuen KSB wird man sich nicht wie in einem Krankenhaus fühlen.

«Form folgt Funktion» ist ein Credo von Architektur und Design. Wie gehen Sie vor, damit sich die KSBMitarbeitenden genauso wohlfühlen werden wie die Patienten?

Wir stehen mit allen Beteiligten im Dialog. Die besten Lösungen können nur gemeinsam gefunden werden. Unsere Arbeit besteht auch darin, die unterschiedlichsten Bedürfnisse unter einen Hut zu bringen. Nicht immer einfach, aber durchaus machbar. Bei allem, was wir tun, achten wir auf kurze Wege, die logische und routinemässige Abläufe erleichtern.

Wenn – sagen wir im Jahr 2023 – eine Patientin nach erfolgreicher Behandlung das KSB verlässt, was wäre das schönste Kompliment, das sie Ihnen als verantwortliche Architektin machen könnte?

Natürlich würde ich mir wünschen, dass es ihr vor allem gesundheitlich gut geht. Wer weiss, vielleicht hat die Healing Architecture etwas zur Genesung beigetragen. Was wir aber immer gerne hören, wenn Patienten und Besucher in bereits von uns realisierten Spitalbauten konstatieren, dass es hier so gar nicht nach Spital riecht und aussieht. Wenn sie sagen, dass sie sich wohl- und gut aufgehoben fühlen – das sind schon sehr schöne Komplimente.