Süsse vier Wochen alt ist sie beim Interview-Termin, und sie zeigt sich von ihrer besten Seite: Anic, das erste Kind von Esther Heer aus Matzendorf, liegt friedlich in seiner Babyschale und verschläft das ganze Gespräch. Dabei hat die Kleine durchaus ihren eigenen Kopf. Sie wollte sich vor der Geburt im Bauch der Mutter nämlich partout nicht drehen.

Erfolglose «indische Brücke»

«Ich habe alles versucht, was ich an Tipps erhalten habe – zum Beispiel am Abend eine Musikdose unten auf meinen Bauch gehalten in der Hoffnung, dass sie der Musik folgt und ihre Position verändert», erinnert sich Esther Heer. Doch Anic liess sich davon nicht beeindrucken. Auch nicht von den anderen Methoden, zu denen Hebamme Dagmar Brunner vom Kantonsspital Aarau der werdenden Mutter geraten hatte – etwa Akupunktur, Moxen oder der «indischen Brücke», einer speziellen Becken-Lagerungsübung. «Die meisten Babys, die sich in den letzten Wochen vor der Geburt in Steisslage befinden, drehen sich von selber noch», weiss Dagmar Brunner aus Erfahrung.

Fünf Prozent in Steisslage

Doch nicht so Anic. Damit gehört sie zu den knapp fünf Prozent der Babys, die in der «Beckenendlage», wie die Steisslage auch genannt wird, zur Welt kommen wollen. Meistens wird den werdenden Müttern in diesem Fall zu einem Kaiserschnitt geraten. Auch das private Umfeld von Esther Heer sowie ihr Frauenarzt haben so reagiert. «Dabei», so betont Monya Todesco Bernasconi, Chefärztin Geburtshilfe am Kantonsspital Aarau, «kann man auch ein Baby in Steisslage natürlich gebären.»

Doch der Reihe nach. Eine letzte Möglichkeit wollte Esther Heer noch ausschöpfen. Als sich Anic in der 36. Woche noch immer nicht gedreht hatte, kam sie für einen  «äusseren Wendeversuch» ins KSA. «Dabei versucht der Arzt, das Baby durch manuellen Druck auf den Bauch der Mutter in seiner Position zu verändern», erklärt Monya Todesco. Die Herztöne des Babys sind dabei unter Kontrolle, und da man bei diesem Eingriff auch damit rechnen muss, dass die Wehen ausgelöst werden, ist alles für einen Kaiserschnitt vorbereitet. Das Operationsbesteck blieb aber unberührt – und Anic bequem in ihrer Steisslage liegen.

«Keine Vergleichsmöglichkeiten»

Und jetzt? «Ganz wichtig war für mich in diesem Moment, genau informiert zu werden, wie eine spontane Geburt in Steisslage abläuft, welche Risiken es gibt, was dafür spricht und was dagegen», erklärt Esther Heer. Sie sei relativ neutral an die ganze Sache herangegangen: «Es ist mein erstes Kind, Vergleichsmöglichkeiten hatte ich sowieso keine.» In ihrem Fall, so Chefärztin Monya Todesca, habe es keine Gründe gegeben, die gegen eine natürliche Geburt sprachen. «Bei Frauen, die bereits Komplikationen während der Schwangerschaft hatten, an Bluthochdruck leiden oder wenn das Ungeborene schwerer als vier Kilogramm ist, raten wir eher davon ab.»

Esther Heer entschied sich darum in Absprache mit ihrem Partner für die natürliche Geburt. «Dies im Wissen, dass man jederzeit abbrechen und das Kind mit einem Kaiserschnitt zur Welt holen kann.» Sie habe volles Vertrauen zu den Ärzten gehabt und sich sehr gut betreut gefühlt. Das Team rund um Monya Todesco Bernasconi hat sich für anspruchsvolle Geburten über die Kantonsgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Allein im laufenden Jahr kamen 30 Babys in Steisslage auf natürlichem Weg zur Welt. Darunter Anic.

«Steissgeburten sind speziell»

«Die Geburt verlief problemlos, die Kinder- und Narkoseärzte hielten sich im Hintergrund, es war eine angenehme Atmosphäre. Zwei Stunden nach der Geburt konnte ich aufstehen und duschen, und am nächsten Tag packten wir bereits die Koffer. Bei einem Kaiserschnitt wäre das wohl nicht möglich gewesen», so Esther Heer. Hebamme Dagmar Brunner war bei der Geburt ebenfalls dabei: «Unter all den Geburten, die ich bisher begleitet habe, waren deren fünf Steissgeburten. Auch für uns Hebammen ist das nach wie vor etwas sehr Spezielles.» Speziell, aber eben nicht unmöglich, wie Monya Todesco Bernasconi ergänzt: «Das ist unser Ziel: Mit Fachwissen, Erfahrung und einem gut eingespielten Team die Gesundheit der Mütter und der Neugeborenen schützen.»

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau