Hätte ihm das jemand vor zehn Jahren gesagt, hätte er kurzerhand abgewinkt. Er, Simon S., 42, gelernter Bauzeichner, eine Depression? Am Tisch vor der Arbeit sitzen, doch kein Strich geht mehr? «Dass mir das passieren kann, hätte ich mir nie vorstellen können. Heute weiss ich, dass psychische Erkrankungen sogar weit häufiger vorkommen, als man denkt», so Simon S., der nach einem halbjährigen Klinik-Aufenthalt jetzt wieder im Arbeitsalltag Tritt fassen möchte, sich vor diesem Schritt aber auch fürchtet. Wird er je wieder so leistungsfähig sein wie vorher? Was, wenn es nicht klappt? Wie reagieren auf Fragen der Arbeitskollegen?

Für Doris Benker, Präsidentin des «ankers», des Vereins für psychisch Kranke Aargau, illustriert das Beispiel von Simon S. genau das, was sie immer wieder beobachtet: «Ich habe noch nie einen Menschen mit psychischer Beeinträchtigung getroffen, der nicht arbeiten will.» Das Gegenteil sei der Fall. Warum? «Arbeit bringt Struktur in den Alltag und das Gefühl, gebraucht zu werden, etwas beitragen zu können, wertvoll zu sein.»

«Die Arbeitgeber unterstützen»
Das «Wollen» ist also nicht das Problem, vielmehr aber das «Können». Denn: Viele Arbeitgeber scheuen sich davor, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen einzustellen. «Mangels besseren Wissens», so die Feststellung von Arbeitscoach Bernhard Dubs, der seit sieben Jahren bei der Vermittlung von Arbeitsplätzen für psychisch Kranke mithilft. Will heissen? «Wenn man mit den Arbeitgebern aktiv das Gespräch sucht, Unterstützung anbietet, sie über die Krankheit informiert und darüber, was sie vom Angestellten erwarten können und was nicht, ist die Bereitschaft, eine solche Person einzustellen, mittlerweile deutlich grösser», so die Erfahrung von Dubs.

Er wie auch Doris Benker sind Mitglied einer Arbeitsgruppe, die genau dieses Ziel verfolgt: Arbeitgeber zu ermuntern, Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im  Unternehmen anzustellen. Nicht zuletzt ist dies auch eine Vorgabe der 6. AHV-Revision. Nur: In der Umsetzung harzt es noch. Das hat auch Doris Benker festgestellt, als sie für die Podiumsdiskussion im Rahmen der «Aktionstage Psychische Gesundheit » (Artikel unten) lange erfolglos nach einem Arbeitgeber suchte, der bereit ist, mitzuwirken – bis es schliesslich dann doch noch geklappt hat.

Für Doris Benker ist wichtig, zu betonen, dass «Menschen mit einer psychischen Erkrankung weder faul noch dumm sind.» Im Gegenteil: Vielfach handle es sich um sehr  intelligente Personen, die an einer Arbeitsstelle im geschützten Rahmen, im zweiten Arbeitsmarkt, deutlich unterfordert sind. Die Krux dabei: «Der Schritt in den ersten Arbeitsmarkt trauen sie sich aus Angst vor Überforderung häufig nicht zu.»

Und genau an dieser Schnittstelle kommt der Arbeitscoach ins Spiel. «Wenn der Arbeitgeber von einer neutralen Drittperson erfährt, dass beispielsweise ein Schizophrenie-Erkrankter, der medikamentös gut eingestellt ist, ganz normal funktioniert, dann kann das helfen», so Bernhard Dubs. Aus diesem Grund, so Doris Benker, sei enorm wichtig, dass Betroffene die Medikamente regelmässig einnehmen – «und nicht etwa selber mit Absetzen anfangen. Das geht meistens schief.»

Erfolgsprojekt «Arbeitscoach»
Das Projekt «Arbeitscoach» des Vereins «anker» und der PDAG ist eine Erfolgsgeschichte.Vor sieben Jahren als ein 50-Prozent-Pensum lanciert, wurde das Angebot aufgrund der steigenden Nachfrage laufend ausgebaut. Zurzeit besteht das Team aus Bernard Dubs und Barbara Morf. Auf guten Wegen ist zudem das geplante Projekt «supported education», das psychisch erkrankte junge Erwachsene in Beruf und Schule begleiten soll. Denn: «Psychische Erkrankungen sind auch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen verbreitet», weiss Birgit Kräuchi, Zentrumsleiterin und Chefärztin Psychiatrie und Psychotherapie ambulant der PDAG. «Supported education» könne bei Problemen zwischen Lehrmeister und Jugendlichem vermitteln helfen oder auch dabei, nach der Lehre eine Arbeitsstelle zu finden. Für Doris Benker ein ganz wichtiges Anliegen, denn: «Wer bereits als junger Mensch den Anschluss an den ersten Arbeitsmarkt verpasst, hat schlechte Perspektiven.»

Internet: www.arbeitscoach.ch

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau