Mit vier fehlenden Fingern ist ein Schreiner bei seiner Tätigkeit ziemlich aufgeschmissen. Vor allem, wenn er nach vierjähriger Lehrzeit kurz vor der Berufs-Abschlussprüfung steht. Claudia Meuli-Simmen hat dem jungen Mann die Finger wieder angenäht, er absolvierte die Abschlussprüfung mit Erfolg und liess sich danach umschulen. So einfach ist das.

Vom Ganglion bis «Skidaumen»

Zumindest in der Kurzfassung der Geschichte. In Tat und Wahrheit stellt die Hand, mit unzähligen Sehnen, Nerven, Knochen und Knöchelchen ausgestattet, ein auf kleinstem Raum hochkomplexes Gebilde des menschlichen Körpers dar. Kahnbein, Mondbein, Triquetrum, Trapezium und Trapezoideum: Claudia Meuli-Simmen kennt sie alle. Die Chefärztin der Klinik für Hand- und Plastische Chirurgie operiert Bänderrisse, entfernt Ganglien (Zysten), weiss, was bei einem Karpaltunnelsyndrom zu tun ist und wie ein «Skidaumen» behandelt wird. In ihrem Büro ist eine ganze Regalfläche mit Hand-Modellen ausgestattet: Solchen aus Plastik, aus Holz – und einer aus Wachs, bei der aus jeder Fingerkuppe ein Docht herausschaut – zum Anzünden. Etwas Humor darf sein, trotz der  Ernsthaftigkeit der Sache.

«Gelernt, mich durchzusetzen»

«Für mich war bereits im Gymnasium klar, dass ich Medizin studieren will», sagt Claudia Meuli-Simmen. Die Weiterbildung, die sie vor vielen Jahren in der Hand- und Plastischen-Chirurgie des KSA’s absolvierte, bekräftigte ihr Interesse für dieses Gebiet: «Ich nähte unter dem Mikroskop mit Leidenschaft Gefässe und Nerven zusammen.» Dass sich eine Frau zur Chirurgin ausbilden lässt, war vor zwanzig Jahren noch eine Seltenheit. Dieser Bereich der Medizin galt da fast ausschliesslich als Männerdomäne. Darauf angesprochen, wie sie in jener Zeit von den männlichen Kollegen akzeptiert wurde, meint sie mit einem Augenzwinkern: «Ich habe gelernt, mich durchzusetzen.»

So habe sie heute auch keine Mühe damit, jemandem von einem chirurgischen Eingriff abzuraten, wenn sie selber davon nicht überzeugt ist. «Etwa, wenn jemand mit einem Foto eines Schauspielers in unsere Klinik kommt und sagt, er wolle genau eine  solche Nase. Es passt aber eben nicht jede Nase in jedes Gesicht», so Meuli, die gemeinsam mit ihrem Team in der Klinik für Hand- und plastische Chirurgie, der sie seit dreizehn Jahren vorsteht, auch ästhetische chirurgische Eingriffe – mit anderen Worten: Schönheits-Operationen – durchführt.

Von der Technik profitieren

Die Palette reicht dabei von der Ohrmuschelkorrektur über die Faltenunterspritzung bis zur Fettabsaugung und dem «Facelifting.» «Chirurgie ist ein Handwerk. Die Techniken, die wir bei rein ästhetischen Eingriffen anwenden, kommen auch in der Tumor- und Wiederherstellungschirurgie zum Zug», sagt Claudia Meuli, die 2011 und 2012 der Fachgesellschaft für Plastische, Rekonstruktive und Aesthetische-Chirurgie als Präsidentin vorstand. Als Beispiel nennt sie einen Brustaufbau bei einer Frau, die wegen Brustkrebs beide Brüste verloren hat.

«Stark konjunkturabhängig»

Die Schönheits-Operationen machen im KSA allerdings nur einen einstelligeneinstelligen Prozentanteil aus – «und sie sind stark konjunkturabhängig. Wenn es in der Wirtschaft gut läuft und die Leute Geld haben, nimmt die Nachfrage zu.»

Ungeliebte Schlupflider

Und was ist punkto ästhetischer Chirurgie im Aargau gefragt? «Schlupflider-Korrektur, Brustvergrösserung respektive -verkleinerung sind bei uns häufige Eingriffe», so Claudia Meuli-Simmen. Waren es früher vor allem Frauen, die sich unters Messer legten, haben die Männer heute deutlich aufgeholt. Wobei, so Claudia Meuli-Simmen, die Grenze zwischen rein ästhetischer Chirurgie und einem medizinisch bedingten chirurgischen Eingriff häufig fliessend sei: «Wer beispielsweise wegen seinen Schlupflidern unter eine Gesichtsfeldeinschränkung leidet, macht in diesem Sinn keine «Schönheits-OP», sondern etwas, was aus medizinischer Sicht Sinn macht.»

Keine Penis-Vergrösserungen

Etwas anderes kommt für Claudia Meuli-Simmen auch gar nicht in in Frage. «Wir machen nur, was medizinisch vertretbar ist. Schamlippen- oder Penisvergrösserung als Beispiel gibt es bei uns im Kantonsspital nicht.» Die vorgängige Beratung sei in ihrem Gebiet ganz wichtig: «Man kann als Chirurg, salopp gesagt, zwar viel ziehen und spritzen – aber wenn der Patient unrealistische Vorstellungen von seinem Aussehen, respektive dem Resultat des  Eingriffs hat, wird er mit dem Ergebnis nie zufrieden sein», so Claudia Meuli-Simmen. So habe sie auch schon zu einer Kundin gesagt: «Gehen Sie mit dem Geld, das Sie für diese Schönheitsoperation ausgeben wollen, doch lieber in die Ferien. Da haben Sie mit Sicherheit mehr davon.»

Autorin: Ursula Känel Kocher / Gesundheit Aargau