Erythrozyten, Leukozyten, Phagozyten: Sie sind mikroskopisch klein – und tummeln sich zu Abermillionen in unserem Blut. Wer damals im Biologie-Unterricht gut aufgepasst hat, weiss: Erythrozyten sind rote Blutkörperchen, die aus Hämoglobin bestehen und für den Transport von Sauerstoff zuständig sind.

Die weissen Blutkörperchen wiederum, die Leukozyten, sorgen dafür, dass dies ohne Störung geschieht: «Sie patrouillieren ständig durch den ganzen Körper und wehren eindringende Bakterien und andere Krankheitserreger ab, indem sie ihre Fronttruppe, die Fresszellen, losschicken», erklärt Paul Hasler, Chefarzt der Rheumatologie am Kantonsspital Aarau. Diese, auch Phagozyten genannt, machen die Eindringlinge ohne Federlesens fertig – sie fressen sie kurzerhand auf.

Mit «Fangnetz» unterwegs
Deutsche Forscher haben herausgefunden, dass die «neutrophilen Granulozyten», eine bisher wenig beachtete Gruppe von weissen Blutkörperchen, eine weitere, besonders ausgeklügelte Taktik haben, Krankheitserreger unschädlich zu machen. Sie werfen ihr Zellkernmaterial, die chromosomale Erbsubstanz, quasi wie ein Netz aus. Dieses kann man sich als klebriges Gebilde aus dünnen Fäden vorstellen – die Bakterien bleiben daran hängen und werden dann beseitigt.

Fehlgeleitetes Abwehrsystem
Dieses «Fangnetz-Abwehrsystem» ist Gegenstand eines aktuellen Forschungsprojektes am Kantonsspital Aarau in Zusammenarbeit mit der Universitätsklinik Basel. Federführend: Paul Hasler vom Kantonsspital Aarau und Sinuhe Hahn vom Basler Labor für Pränataldiagnostik. Bei ihrer täglichen Arbeit haben die beiden in Klinik und Labor häufig mit entzündlichen Erkrankungen wie der rheumatoiden Arthritis, dem Morbus Bechterew oder auch dem Lupus erythematodes (Schmetterlingsflechte) zu tun. Bei diesen Erkrankungen richtet sich das Abwehrsystem des Körpers aus bisher ungeklärten Gründen gegen sich selber, was schlimme
Folgen haben kann – bei der Schwangerschaftstoxikose, die ebenfalls in diese Kategorie fällt, etwa Sauerstoffmangel für das Kind oder im schlimmsten Fall gar ein Abort. Eine Heilung dieser Krankheiten ist bis jetzt nicht möglich und die Gabe von Medikamenten häufig schwierig, weil die Wirkstoffe vom Körper ebenfalls als Gefahr «fehlinterpretiert» und in der Folge Antikörper gebildet werden.

«Wir haben im gemeinsamen Forschungsprojekt herausgefunden, dass bei der Schwangerschaftstoxikose und der rheumatoiden Arthritis die neutrophilen Granulozyten eine deutlich gesteigerte Bereitschaft haben, ihre Netze auszuwerfen und dies sogar ohne erkennbaren Auslöser tun», erklärt Sinuhe Hahn. Dies wiederum verstärkt die Entzündung, führt zu Schäden an Geweben und Blutgefässen und fördert Gerinnsel. Die Frage, die sich Hasler und Hahn stellten: Lässt sich die Bildung von Fangnetzen im Körper mit einem einfachen Bluttest nachweisen?

Die beiden Forscher haben eine Methode gefunden, wie man die Bereitschaft der Abwehrzellen, Netze zu bilden, messen kann. Das geschieht anhand einer Blutprobe des Patienten, die im Labor genau untersucht wird.

Grosse Studie geplant
In den nächsten Monaten ist nun eine breit angelegte Studie geplant, bei der untersucht wird, ob sich bei rheumatoider Arthritis und ähnlichen Erkrankungen die Fangnetze als «Biomarker» für die Diagnose und die Messung der Krankheitsaktivität eignen. Damit liesse sich künftig diese Erkrankungen früher und besser erkennen und behandeln. Hasler: «Mit den Ergebnissen der Studie erhoffen wir uns, einen Messpunkt für die Testung von Medikamenten zu finden, die die Fangnetzbildung und die neutrophilen Granulozyten in ihrer Aktivität bremsen.»