Vor zehn Jahren wurde bei Katja Hilfiker (20) ein Hodgkin-Lymphom diagnostiziert. Der faustgrosse Primärtumor war in der Lunge; aber auch im Halsbereich hat die damals Zehnjährige Tumore gehabt. Im Kantonsspital Aarau (KSA) wurde umgehend eine Chemotherapie eingeleitet mit anschliessender sehr starker Bestrahlung. Auch wenn sie in der Folge die Schilddrüse hat entfernen lassen müssen und mit einer Unterfunktion der Speicheldrüse leben muss: Heute geht es der jungen Frau gut – auch dank einer intensiven Nachsorge.

Begleiteter Klinikwechsel


«In der Schweiz überleben vier von fünf Kindern, die an Krebs erkranken», sagt Katrin Scheinemann, Leitende Ärztin Pädiatrische Onkologie-Hämatologie der Klinik für Kinder und Jugendliche des KSA. Doch die hohe Erfolgsquote habe ihren Preis: «Die Krankheit selbst wie auch die Therapien können Spätfolgen auslösen, die noch Jahrzehnte später auftreten können. Deshalb brauchen die meisten Betroffenen nach jetzigem Erkenntnisstand eine lebenslange medizinische Betreuung.» Die Nachsorge funktioniere in der Regel problemlos – zumindest bis die ehemaligen Patienten 18 sind. «Im Erwachsenenalter kommen oft andere Probleme dazu, für die wir in der Kinderklinik nicht die richtigen Ansprechpartner sind», sagt Scheinemann. «Es gibt in der Schweiz keine einheitliche Strategie, wie und wo man diese Patienten weiterbetreut.» Der Übergang von der Betreuung durch die Kinderonkologen in eine Betreuung durch Erwachsenenmediziner sei in vielen Ländern nicht optimal geregelt. Deshalb hat das KSA Anfang Jahr ein in der Schweiz wohl einmaliges Pilotprojekt gestartet: Neu bieten die Kinder- und Erwachsenonkologen/- hämatologen gemeinsame Sprechstunden an. «Wir nehmen unsere ehemaligen Patienten auch als Erwachsene ernst und wollen sie beim Wechsel in die Erwachsenenmedizin bestmöglich begleiten», erläutert Scheinemann. Das gewährleiste einen sanften Übergang und Kontinuität in der so wichtigen Nachsorge.

Die Chance nutzen

Katja Hilfiker ist eine der ersten Patienten im neu lancierten Programm. Sie bezeichnet es als grosse Chance. «Ich wurde in der Kinder- und Jugendklinik zehn Jahre lang eng von Menschen begleitet, zu denen ich ein Vertrauensverhältnis aufgebaut habe. Dadurch fühlte ich mich extrem getragen. Dass ich nun im System drin bleibe, begleitet von Ärzten, die mich und meine Krankheitsgeschichte sehr gut kennen, gibt mir Sicherheit.» Zwar verbringe sie wenig Zeit damit, sich Sorgen zu machen, fährt Hilfiker fort. Aber im Hinterkopf sei ihr schon bewusst, dass auch Jahrzehnte nach der erfolgreichen Behandlung noch Spätfolgen auftreten könnten. «Deshalb mache ich so viel Nachsorge wie möglich.» Dann sagt die junge Frau einen erstaunlichen Satz: «Zehn ist ein gutes Alter für Krebs.» In dem Alter könne man nachvollziehen, wieso die Ärzte unangenehme Dinge mit einem machen müssten; man sehe aber die ganzen Konsequenzen nicht und hinterfrage nicht alles, etwa dass mit der Chemotherapie auch gesunde Zellen abgetötet würden. Sie glaube, dass dieser Umstand die Heilung begünstige. Kinderonkologin Scheinemann bestätigt dies, «auch wenn das schwer messbar ist». «Kinder sind sehr pragmatisch und wollen alles genau erklärt bekommen. Sie haben weniger Berührungsängste und stellen Fragen, bei denen Erwachsene zusammenzucken, etwa jene, ob sie sterben müssen. Dabei leben sie ganz im Moment, und die wenigsten haben Selbstmitleid. Diese Einstellung hilft durch die Therapie.» Katja Hilfiker auf jeden Fall hat den Krebs und dessen Behandlung gut überstanden. Sie lebt wie andere junge Frauen auch und hat eine Lehre als Medizinische Praxisassistentin (MPA) in einer Kinderarztpraxis absolviert. Nun möchte sie in die Pflege wechseln – um weiterzugeben, was sie selbst als so wichtig erlebt hat: das kompetente und einfühlsame Begleiten.