Fokus Gesundheit

Der Patient soll selber die Therapie wählen

Stephan Segerer: «Ich spende alles, was von mir noch verwendbar ist.»

Stephan Segerer: «Ich spende alles, was von mir noch verwendbar ist.»

Prof. Dr. med. Stephan Segerer ist seit dem 1. November Chefarzt der Nephrologie des Kantonsspitals Aarau. Im Interview erklärt er die zentrale Rolle der Niere und sagt, wieso man sich frühzeitig für oder gegen die Organspende entscheiden soll

Stephan Segerer, als Nephrologe beschäftigen Sie sich mit Erkrankungen des Nierengewebes, die zum Verlust der Nierenfunktion führen. Welche Folgen hat dieser Verlust? Die Niere ist ein zentrales Organ, welches unser inneres Milieu reguliert. Pro Tag durchfliessen etwa 1800 Liter Blut die Nieren eines Erwachsenen. Das entspricht etwa dem 300-fachen unseres Blutvolumens. So ist die Niere an verschiedensten Prozessen der Entgiftung beteiligt. Sie sorgt dafür, dass wir im Gleichgewicht sind betreffend Salzen, Flüssigkeitshaushalt und Säure-Basen- Haushalt. Letztlich sorgt die Niere dafür, dass wir nicht sauer sind. Darüber hinaus hat sie hormonelle Aufgaben. Der Verlust der Nierenfunktion hingegen führt zur Vergiftung des Organismus. Der Patient merkt lange nichts davon. Symptome wie Appetitlosigkeit, Juckreiz oder Atemnot treten erst auf, wenn die Entgiftungsfunktion der Niere schon kritisch eingeschränkt ist. Dann ist es notwendig, eine Nierenersatztherapie einzuleiten, sonst bleibt nur eine verkürzte Lebenszeit.

Wie viele Menschen sind betroffen? Etwa zehn Prozent der Bevölkerung haben eine eingeschränkte Nierenfunktion oder zeigen im Urin Zeichen einer Nierenerkrankung. Etwa jeder Zehnte davon muss mit einem schweren Verlauf rechnen. Hauptursache in unserer alternden Bevölkerung sind Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck. Wenn die Nierenfunktion auf ungefähr 1/10 der ursprünglichen Leistung abgenommen hat, würde sich der Körper selber vergiften.

Was kann man dann tun? Wenn die Nierenfunktion nicht wiederhergestellt werden kann, gibt es mehrere Wege, wie man damit umgehen kann. Ein Weg ist, dass man sagt, es ist okay, ich habe mein Leben gelebt; ich möchte keine Beschwerden haben und möglichst friedlich einschlafen können. Dann lindern wir in einer begleitenden Therapie Symptome wie Juckreiz, Schmerz oder Atemnot. Das ist vor allem bei sehr betagten Menschen der Fall, die mit mehreren Grunderkrankungen konfrontiert sind. Diesen Weg zu planen, ist aufwendig. Man muss Patient, Angehörige und Hausarzt aufklären und mit der Spitex oder dem Hospiz Abmachungen treffen. Wir müssen die Infrastruktur schaffen, damit das zu Hause oder im Heim machbar ist.

Welche Alternativen haben jene, die noch nicht genug vom Leben haben? Den Nierenfunktionsersatz in Form einer Dialyse und die Nierentransplantation. Letztere bietet die beste Rehabilitation für jene, die infrage kommen. Die neue Niere arbeitet vier- bis fünfmal besser, als was wir mit der Dialyse hinbekommen. Hier spielen verschiedene Dinge eine Rolle, die wir noch nicht alle ganz verstanden haben. Aber Transplantierte sind sicher besser dran als Menschen an der Dialyse, sie leben auch länger. Deshalb listen wir die Patienten frühzeitig oder versuchen – mittels eines Lebendspenders – schon vor der Dialysepflicht eine präventive Transplantation durchzuführen. Auf der Warteliste dauert es heute etwa vier Jahre, bis Betroffene ein Transplantat erhalten. Derzeit stehen in der Schweiz knapp 1600 Patienten auf der Warteliste, etwa 40 davon sind Patienten des KSA. Letztes Jahr wurden 400 Nieren transplantiert, etwa einhundert davon waren Lebendspender.

Organspende ist ein sehr emotionales Thema. Sind Sie selber Spender? Ja, meine Familie weiss, dass ich nach meinem Ableben alles spende, was von mir verwendbar ist. Natürlich habe ich auch den Spendenausweis in der Tasche. Man kann sich bei Swisstransplant eintragen lassen. Wie man sich entscheidet, ist jedem seine eigene Sache. Aber es ist wichtig, dass man sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzt und das Umfeld weiss, dass man sich entschieden hat. So kann man Angehörige vor einer belastenden Entscheidungen bewahren.

Das KSA führt selber keine Transplantationen durch. Wo bekommen Ihre Patienten eine neue Niere? Die meisten in Basel; wenn sie mehrere Organe erhalten, in Zürich. Wir bereiten die Patienten auf die Transplantationslistung vor und betreuen sie dann wieder ab einem halben Jahr nach der Transplantation. Wir haben ungefähr 180 Transplantierte in der Nachsorge. Pro Jahr kommen etwa zehn dazu.

Wer keine neue Niere bekommt, muss zeitlebens zur Dialyse. Welche Form empfehlen Sie? Ich empfehle, die Entscheidung dem Patienten zu überlassen. Die Erfahrung zeigt, dass eine selbst gewählte Therapie den Behandlungserfolg und damit die Lebensqualität verbessert. Ich lege deshalb sehr viel Wert auf eine gute Aufklärung der Patienten, damit sie sich selber für die Art der Nierenersatztherapie entscheiden können, die am besten in ihr Leben passt – für die Blutwäsche oder die Bauchfelldialyse, für die ambulante Behandlung im Dialysezentrum oder jene zu Hause. Für die Blutwäsche geht der Patient in der Regel dreimal pro Woche in ein Zentrum, wo er für vier Stunden an eine Maschine angeschlossen wird. Die Bauchfelldialyse macht der Patient selber. Er kommt nur alle vier bis fünf Wochen zur Kontrolle. Was besser in sein Leben passt, sollte der Patient möglichst ohne Einfluss des Arztes entscheiden. Die aktive Entscheidung wird dazu führen, dass es funktioniert, es ist wie eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Eine freie Entscheidung der Patienten lässt darüber hinaus das Heimdialyseprogramm wachsen. Das ist in der Regel kostengünstiger und macht deshalb auch volkswirtschaftlich Sinn.

Welche Form wird bevorzugt? Wir haben in der Schweiz ungefähr 4500 Dialysepatienten mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren. Zirka 25 Prozent beginnen mit Bauchfelldialyse. Diese Zahl ist deutlich angestiegen. Betreffend Entgiftungsqualität sind beide Formen gleichwertig.

Kann man der Niere Gutes tun? Früher wurden sehr viele Ernährungsregeln aufgestellt, wenn die Niere nicht gut arbeitet. Das ist heute nicht mehr der Fall. Wir wollen vor allem, dass unsere Patienten sich gut ernähren, das heisst, eine Gemischtkost mit normaler Kalorienzahl zu sich führen. Gewisse Stolpersteine gilt es zu vermeiden, etwa, dass man Dinge mit viel Kalium, exzessiv konsumiert, z. B. Früchte. Aber wir versuchen, möglichst wenig Vorschriften zu machen.

Was bringt die Zukunft? Die Nephrologie wird an Bedeutung gewinnen. Ich freue mich darauf, mein Lieblingsfach mit einer attraktiven Ausund Weiterbildung meinen jungen Kollegen weitergeben zu können.

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