Leben

Vorwärts ins Paradies

Marcus Pan plante und gestaltete auf der Schweibenalp die alpinen Permakultur-Gärten.

Marcus Pan plante und gestaltete auf der Schweibenalp die alpinen Permakultur-Gärten.

Klimawandel, Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung, Artensterben: Marcus Pan, Permakultur-Pionier, sieht in dem bewussten Gestalten von Lebensräumen die Lösung.

Die Bienen summen. Es blüht und reift in Hülle und Fülle: Oregano, Thymian, Bohnenkraut, verschiedenste Salat und Gemüsesorten, Apfelbäume, Tomatensträucher usw. Wir spazieren durch die üppigen Permakultur-Gärten der Schweibenalp. Kaum zu glauben, dass diese im Berner Oberland, an einem Nordhang auf 1100 Metern über Meer, liegen. Seit 2011 wird hier eine produktive «essbare Landschaft» kultiviert. Das Gemüse, die Früchte und die Jungpflanzen werden auf Märkten verkauft. Ein Teil davon dient der dort lebenden Gemeinschaft zur Selbstversorgung oder wird in der Seminarküche verarbeitet.

Stapeln und Schichten

Permakultur-Designer Marcus Pan plante und gestaltete die alpinen Permakultur-Gärten und schaffte so ein Mikroklima, das Jahr für Jahr kräftigere Pflanzen und ertragreichere Ernten hervorbringt. «Permakultur ist ein Gestaltungswerkzeug und eine Lebensphilosophie», so der Österreicher mit irischen Wurzeln. Es gehe darum, die Landschaft bewusst nach dem Vorbild und in Kooperation mit der Natur zu gestalten. Das Ziel: «Systeme zu schaffen, die wie Ökosysteme funktionieren – selbstregulierend, langlebig und divers.»

Hierfür folgt die Permakultur bestimmten Prinzipien: Vielfalt statt Einfalt; jedes Permakulturelement erfüllt mehrere Aufgaben; Es gibt keinen Abfall, alles wird wiederverwendet und in die natürlichen Kreisläufe zurückgeführt. Mithilfe einer Zonen- und Sektorenplanung, die eng mit einem Funktionsmanagement verknüpft ist, wird eruiert, wo welche Kulturen am besten gedeihen und welche Funktionen sie im System übernehmen können? «Auf der Schweibenalp bläst der Wind meist von Westen. Hecken dienen nun als Windschutz, bieten Insekten und Kleintieren Lebensraum und liefern zugleich vitaminreiches Wildobst.» Ein weiteres Planungsinstrument heisst Stapeln und Schichten. «Verschiedene Kulturen werden neben- und übereinander gezogen.» Eine Technik, die bereits die Indianer Zentralamerikas anwendeten. Mais, Bohnen und Kürbis gelten dort als die drei heiligen Schwestern. Eine Hektare Boden wirft so mehr Ertrag ab, ohne dass die Natur dafür ausgebeutet wird. Und: «Die Pflanzen profitieren voneinander, indem sie beispielsweise Schatten spenden, vor Hagel schützen oder die Lufttemperatur erwärmen.» Ein anderes Gebot lautet: Kreisläufe statt Abflüsse schaffen. Beim Wasserkreislauf wird Regenwasser gesammelt und dem Boden «nah dis nah» zurückgegeben, der Erde beigemischtes Heckenholz schliesst den Kohlenstoffkreislauf und dank einem funktionierenden Kompostmanagement bleiben die Böden für Hunderte von Jahren nährstoffreich.

Mulch, eine Bodendeckung aus Stroh und Gras, schützt den Boden vor dem Austrocknen, hält warm und gibt wichtige Nährstoffe ab.

Mulch eine Bodenbedeckung

Mulch, eine Bodendeckung aus Stroh und Gras, schützt den Boden vor dem Austrocknen, hält warm und gibt wichtige Nährstoffe ab.

Eine Welt voller Lösungen

«Im Grunde leben wir im Paradies, würden wir nur unsere Landschaften, Dörfer und Städte nach permakulturellen Grundsätzen gestalten » sagt der diplomierte Permakultur-Designer. Doch seit der Industrialisierung Mitte des 18. Jahrhunderts entferne sich der Mensch immer mehr von der Natur. Alles wird unterteilt und getrennt. Die fortschreitende Spezialisierung zieht weite Kreise. «In der Permakultur geht es hingegen um Gemeinschaft, um Kooperationen. Darum, gemeinsam etwas aufzubauen. Der Landschaftsplaner, die Architektin, der Umweltingenieur – alle müssten ins Boot geholt werden.» Permakultur ist dann auch mehr als ein bisschen «Gärtnern». Marcus Pan: «Es ist eine Lebensphilosophie. Eine Philosophie, die mit der Natur arbeitet, sorgsam und zusammenhängend denkt und handelt.» Die Menschen sollten wieder Teil eines ganzheitlichen, zukunftsfähigen Systems werden, das die menschlichen Grundbedürfnisse wie Nahrung, Energie und Lebensraum erfüllt.

Das Prinzip der Permakultur kann im Kleinen wie im Grossen angewendet werden: auf dem Balkon, im eigenen Garten, auf Bauernhöfen, in Quartieren, ja, sogar in ganzen Städten – wie die Bewegung Transition Town zu realisieren versucht – beispielsweise mit Repair-Cafés, mit Teilen statt Besitzen, mit permakulturellen Gemeinschaftsgärten. Könnten diese denn ganze Städte ernähren? «Die ein, zwei Hektaren grosse Organic Farm Bec Hellouin in der Normandie ist ertragreicher als ein traditioneller Gemüsebetrieb vergleichbarer Grösse», nennt Marcus Pan ein besonders gelungenes Beispiel. Und fügt an: «Die Welt ist voller Lösungen.»

Gibt es keine Grenzen? «Auf dem ewigen Eis werden wir wohl kaum jemals Ernten einfahren können», sagt der Österreicher mit einem Lachen. Doch: «Indem wir die Natur beobachten, studieren, lesen und immer wieder neue Strategien anwenden, lassen sich an sehr vielen Orten dieser Welt ‹essbare Landschaften› kultivieren.» Er spricht von einem Projekt in Togo. Das Klima der Meeresküste ist trocken, die Wetterverhältnisse oft windig, der Boden sandig und nährstoffarm. «Mit Hühnern und Tauben bauten wir den Humus aktiv auf. Ein durchdachtes Wassermanagement sollte die Beete bewässern.» Seither reifen dort Mangos, Avocados, Papayas, Orangen, Zitronen, Granatäpfel, Guaven, Bananen, Kokosnüsse, Ananas, Ingwer und vieles mehr.

Schweizer Permakultur Pionierhof

Die Herausforderung liege vielmehr darin, den Kulturwandel weiter voranzutreiben. «Noch leisten wir hier in der Schweiz Pionierarbeit, doch das Interesse ist gross. Meine Kurse und Weiterbildungen sind voll mit Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkünfte. » In Feldbach am rechten Zürichseeufer ist Marcus Pan gemeinsam mit seiner Lebenspartnerin, der Gestalterin und Künstlerin Trix Barmettler, daran, einen Permakultur-Pionierhof aufzubauen: «Das drei Hektaren grosse Land bietet uns optimale Voraussetzungen für einen Lern- und Demonstrationshof. Die 2012 von mir gegründete Akademie für Permakultur- Gestaltung wird dort zukünftig ihr Wissen vermitteln.» Zusammen mit der Genossenschaft haben sie damit begonnen, das über hundertjährige Bauernhaus baubiologisch zu sanieren. Auf den Feldern und Wiesen sollen bald alte Gemüsesorten, Kräuter und Speisepilze kultiviert, Aquakultur-Systeme aufgebaut, alte Pro-Specie-Rara-Obstsorten angepflanzt, immunstärkende Gärten angelegt und Pro-Specie- Rara-Kleintierrassen wie Geissen, Hühner, Gänse, Enten und Bienen gehalten werden. Der Zeithorizont ist 2022. Dann wird Marcus Pan der Schweiz wohl demonstrieren: Aus den drei Hektaren Land ist – dank dem Gestaltungsprinzip des Schichtens und Stapelns – ein zwölf Hektaren grosses Paradies entstanden.

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