20 Jahre AZ

«Nach der Fusion dachten wir: Jetzt bricht das Goldene Zeitalter an»

1996 wurden die Schweizer Medienbranche und die Öffentlichkeit mit einer besonderen News überrascht: Das Aargauer Tagblatt und das Badener Tagblatt fusionierten zur Aargauer Zeitung. Es war der Start in eine bewegte Zukunft.

Als wir die Fusion zustande gebracht hatten, dachten wir: Jetzt bricht das goldene Zeitalter an. Wir waren der Überzeugung, endlich eine starke Marktstellung erreicht zu haben. Heute müssen wir sagen, es fängt alles nochmals von vorne an, denn im Internet-Zeitalter werden die Karten neu gemischt. Vorab müssen wir mit unseren Medien die digitale Transformation bewältigen. Da stehen wir mittendrin.

Ich vergleiche die Situation stets mit einer Bergtour. Jeder erfahrene Alpinist weiss, wie viel gefährlicher der Abstieg ist als der Aufstieg. Bei den Print-Medien ist das auch so. Den Aufstieg haben wir gut bewältigt und wir konnten auf Gipfelhöhe lange die Sonne geniessen. Nun hat der Abstieg begonnen, und der ist beschwerlich genug. Doch halt! Wir müssen nicht gleich ins Tal hinunter, wir müssen nur zur nächsten SAC-Hütte gelangen. Denn von dieser Hütte aus planen wir verlockende Touren, Aufstiege auf neue digitale Gipfel. Der gute Bergsteiger gibt nie auf, er plant nach vollbrachter Tat bereits die nächste Bergtour.

Alles zur geheimen Fusion von 1996 und zu den Highlights der letzten 20 Jahre – sowie der Blick in die Zukunft:

Was haben wir nicht alles bewegt in diesen 20 Jahren. Es gab High- und Lowlights. Gleich nach der Fusion mussten wir Dutzende von Arbeitsplätzen im defizitären Kundendruck abbauen, um unternehmerische Fitness zu erlangen. Dann kündigten wir den Inserate-Pachtvertrag mit der Publicitas, ohne unsere Partner-Verlage in Olten und Zofingen rechtlich genügend abgesichert zu haben. Es brauchte ein paar Jahre, um das Vertrauen wieder herzustellen, was insbesondere dem damaligen Verwaltungsratspräsidenten Jürg Schärer gelang.

Konzentrisches Wachstum

Mit dem Start der «Mittelland Zeitung» (2001) zündeten wir eine weitere Wachstums-Rakete; Zofingen, Olten und Solothurn waren mit an Bord. Im Jahr 2005 konnten wir uns an der Vogt-Schild AG (Solothurner Zeitung) mit 17,5% beteiligen, zwei Jahre später erhöhten wir die Beteiligung auf 35%, mussten aber im Gegenzug erneut eine Pacht mit der Publicitas (P) eingehen, weil wir sonst nicht an das Aktienpaket, das diese an der Vogt Schild AG hielt, herangekommen wären. Nachdem die P einen ungenügenden Job gemacht hatte und wir deswegen mit einer Schadenersatzklage drohten, konnten wir die Inserate-Pacht vorzeitig beenden. Im Jahre 2007 lancierten wir den «Sonntag» (heutige «Schweiz am Sonntag»), womit wir nationale Bedeutung erreichten, weil das Blatt mehr war als nur eine siebte Ausgabe. Im gleichen Jahr gelang es, auch noch die Basellandschaftliche Zeitung an Land zu ziehen. Die vollständige Übernahme der Vogt Schild AG erfolgte dann im Jahr 2009.

So pulsiert der az-Newsroom:

In der ersten Hälfte der vergangenen 20 Jahre haben wir mit voller Kraft auf Expansion gesetzt. Die Strategie war, in konzentrischen Kreisen zu wachsen. 2008 kam die Zäsur mit dem Bankrott der Lehman Brothers und der darauffolgenden Finanz- und Verschuldungskrise. Die anschliessende Inserate-Flaute zwang alle Medienunternehmen zu happigen Restrukturierungs- und Sparmassnahmen. Nachdem wir dies überstanden hatten, setzten wir die Expansion fort mit dem Kauf von Tele Züri und Tele Bärn (2011) und der Übernahme von Radio 24 (2012). Den Abschluss dieser Expansionsphase in elektronische und digitale Medien bildete die Lancierung des Online-Portals Watson (2013/2014).

Zu Anfang der 10er-Jahre setzte spürbar der digitale Strukturwandel ein. Das Nutzungsverhalten nicht nur der jungen Leute begann sich zu ändern. Auch ältere Leute haben sich damit angefreundet, die Zeitung auf dem Tablet oder auf dem Smartphone zu lesen. Hinzu kommt eine um sich greifende Gratis-Kultur: Inhalte werden kostenlos angeboten, die Bezahlschranke funktioniert nur in den wenigsten Fällen. Parallel dazu gingen die Werbeerträge bei Print-Erzeugnissen, vor allem im Bereich der Stellen- und Immobilienanzeigen, massiv zurück. Dies alles machte und macht den Medienunternehmen zu schaffen – und natürlich auch uns.

Und wie geht es jetzt weiter?

Eigentlich könnten wir stolz sein auf das Erreichte. Andere machten den Schirm zu oder verkauften das Unternehmen, wir hingegen drückten aufs Gaspedal und waren risikofreudig. Mit 250 Millionen Umsatz und gegen 1000 Beschäftigten haben wir eine Unternehmensgrösse erreicht, die beachtlich ist; zudem sind wir breit diversifiziert, was von Vorteil ist. Doch was nützt uns dieses Schulterklopfen, wenn alle doch wissen möchten, wie es weitergeht?
Man kann uns vorwerfen, wir hätten die digitale Revolution verschlafen. Mit der Herstellung von Inhalten könne man kein Geld mehr verdienen, nur noch mit Transaktionen auf digitalen Plattformen. Das heisst, wir hätten in Jobs- und Immobilienplattformen investieren müssen, mit denen man heute das grosse Geld macht. Die Kritik ist berechtigt. Nur wüsste ich nicht, woher wir das Geld hätten nehmen sollen. Wir hätten mindestens 100 bis 200 Mio. Franken lockermachen müssen, und die waren einfach nicht vorhanden.

Trotzdem darf man nicht einem unreflektierten Pessimismus verfallen. Mehr denn je sind Innovation und Kreativität gefragt. Es ist klar, dass sich Medien in Richtung digitale Plattformen bewegen müssen, auf denen mehr als nur News und Hintergrundberichte angeboten werden. Services, Produkte und Leserangebote aller Art müssen da feilgeboten werden, so wie früher die Zeitungen ganz selbstverständlich lokale Marktplätze waren.
Und die Zeitungen selber? Sie werden nicht verschwinden, aber sie kommen nicht umhin, ihre Erscheinungsfrequenz zu ändern, d. h. sie werden nicht mehr jeden Tag erscheinen, weil die schnelle Information besser auf dem Tablet oder dem Smartphone zu haben ist. AZ Medien überlegen sich deshalb ernsthaft, an einem Tag nicht mehr als Print-Ausgabe zu erscheinen, dafür digital. Denn das Teure an der Herausgabe einer Zeitung ist nicht die Redaktion, sondern der Druck, das Papier und der Vertrieb.

So wird eine Wahlsendung von Tele M1 gemacht:

So wird eine Wahlsendung gemacht

So wird eine Wahlsendung von Tele M1 gemacht:

Was scheinbar wie geschmiert über den Bildschirm flimmert, fordert vom gesamten Tele-M1-Team stundenlang höchste Konzentration.

Wird die Tageszeitung zur Wochenzeitung?

«Die Zukunft der Tageszeitung ist die Wochenzeitung»: Diese Aussage hat kurz vor seinem Tod der italienische Schriftsteller und frühere Journalist Umberto Eco in einem Interview mit der «Zeit» gemacht. Andernorts kommt man auf ähnliche Ideen. So hat kürzlich ein junger Medienwissenschafter, Andreas Moring aus Hamburg, gesagt: «Die gedruckte regionale Tageszeitung sollte ihre Erscheinungsweise umstellen auf zwei bis drei Tage in der Woche.»
Bis es so weit ist, dürfte es noch einige Jahre dauern. Vielleicht geht es auch schneller. Es kommt ganz auf das Nutzungsverhalten der Leserinnen und Leser an. Möchten Sie noch lange eine Printausgabe in den Händen halten oder reicht es Ihnen, wenn Sie nur noch drei- oder viermal pro Woche die Zeitung im Briefkasten haben? Informieren Sie sich an anderen Tagen über digitale Geräte, womöglich mit personalisierten Push-Nachrichten?

Die Reduktion der Erscheinungsfrequenz auf Papier heisst aber nicht, dass das Ende des Journalismus eingeläutet wird. Im Gegenteil! Nach wie vor sind Einordnung, Erklärung und Orientierung gefragt, journalistische Qualität, Haltung und Glaubwürdigkeit. Übersicht und Ehrlichkeit in der Information! In einer Welt, wo jedermann über Social Media seinen Senf verbreiten kann, bleibt dies die Kernaufgabe des Journalismus.

Der Blick in die Druckerei:

Zeitungsproduktion AZ Medien

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Der Druck der Jubiläums-Beilage in Bildern:

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