20 Jahre AZ

Die jungen Wanners: «Verwalten wäre schlecht – wir wollen unternehmerischen Weg weiterführen»

20 Jahre AZ: Sie sind die fünfte Generation: Michael, Anna und Florian Wanner, die Kinder von Maja und Verleger Peter Wanner. Sie wollen im Familienunternehmen die Tradition weiter führen. Was gerade nicht heisst, alles so zu lassen, wie es ist.

Josef Zehnder, der streitbare Politiker, Drucker, Journalist und Verleger, stand am Anfang der Medientradition der Familie Wanner. Er verkaufte sein Unternehmen an seinen Enkel Otto Wanner I. Auf ihn folgten Eugen und Otto Wanner II. Er ist der Grossvater von Michael, Anna und Florian Wanner, die sich anschicken, in die Fussstapfen von Vater Peter Wanner zu treten. Ihre Schwester Caroline ist Ärztin. Die anderen drei wollen aber ins Mediengeschäft einsteigen. Michael und Florian im Management, Anna in der Publizistik. So mussten sich die Brüder von der Schwester, mittlerweile Co-Leiterin der Bundeshausredaktion der Aargauer Zeitung, «grillen» lassen.

Vor einem Jahr habt ihr beide operative Führungspositionen im Unternehmen übernommen. Wann kommt es zum «Hosenlupf» – wann übernimmt die junge Generation?

Michael: Wichtiger als wann, ist, dass es einen gibt: Wenn wir die Verantwortung übernehmen, müssen wir auch handeln können.

Florian: Wir müssen unterscheiden zwischen strategischen sowie medienpolitischen Aufgaben des Verlegers und den operativen Aufgaben. Die Abgrenzung muss klar sein, sonst wird es schwierig.

Michael: Der «Hosenlupf» ist insofern längst im Gange: Peter hat die operative Führung ja bereits 2009 abgegeben.

Funkt Peter immer noch drein?

Michael: Das wird er auch weiterhin tun – und das ist gut so. Er kennt das Unternehmen am besten und hat viel Erfahrung. Wir wären blöd, wenn wir dieses Wissen nicht nutzen würden.

Florian: Als Verleger hat er die Aufgabe, Inputs zu geben. Das ist wichtig. Bei alltäglichen Aufgaben sollte er sich hingegen raushalten.

«Was muss besser werden?» – Fragen von Journalistin Anna an Radio-24-Geschäftsführer Florian und Michael Wanner, Geschäftsführer von Watson.

«Was muss besser werden?» – Fragen von Journalistin Anna an Radio-24-Geschäftsführer Florian und Michael Wanner, Geschäftsführer von Watson.

Das klingt nicht nach Hosenlupf . . .

Michael: Ein Generationenwechsel passiert ja nicht von heute auf morgen. Jetzt haben Florian und ich erst einmal Verantwortung für einzelne Geschäfte übernommen und dort Herausforderungen zu bewältigen. Zudem besteht keine Eile. Wir haben ein gut funktionierendes Management-Team bei AZ Medien.

Werdet ihr das Unternehmen gemeinsam führen?

Michael: Das entscheiden ja am Ende nicht wir. Aber wir wollen beide Verantwortung übernehmen und können uns grundsätzlich vorstellen, die Zukunft von AZ Medien gemeinsam zu gestalten.

Florian: Das ist ein grosser Vorteil: Wir können die Aufgaben auf zwei Schultern verteilen und uns gegenseitig unterstützen.

Oder es bricht ein Konkurrenzkampf aus und ihr streitet miteinander.

Michael: Natürlich braucht es auch da eine klare Rollenverteilung. Aber ich sehe die Konstellation als Chance. Wir haben unterschiedliche Kompetenzen und Persönlichkeiten – und ergänzen uns sehr gut.

Wie?

Florian: Michael hat starke analytische Fähigkeiten und bewahrt stets die Ruhe . . .

. . . im Gegensatz zu dir, Florian?

Florian: Ja. Ich zeige gerne mal Emotionen.

Michael: Florian hat eine grosse Leidenschaft und eine Begeisterungsfähigkeit, die ich sehr schätze. Wir ergänzen uns auch inhaltlich. Ich habe journalistisch mehr Erfahrung, Florian im Verkauf. Der grösste Wert aber ist Vertrauen – jemanden zu haben, auf den man sich verlassen kann.

Florian: Schwierig sind Entscheide dann, wenn kein vollständiges Vertrauen vorhanden ist. Wenn Zweifel bestehen, ob das Gegenüber auch im besten Interesse des Unternehmens handelt oder ob es einfach an seiner eigenen Karriere bastelt. Diese Situation gibt es bei uns nicht.

«Wir sind mit Medienerzeugnissen aufgewachsen»: Michael, Anna und Florian Wanner – die fünfte Generation.

«Wir sind mit Medienerzeugnissen aufgewachsen»: Michael, Anna und Florian Wanner – die fünfte Generation.

Die Fusion zwischen AT und BT galt als nahezu epochales Ereignis. Das kann man sich heute kaum mehr vorstellen.

Michael: 1996 war Print noch ein Wachstumsmarkt. Die Fusion war ein mutiger Schritt nach vorne. Damit haben wir eine kritische Grösse erreicht, die es uns erlaubt hat, weiter zu investieren und zu wachsen. Heute ist Print am Schrumpfen und die Konsolidierung geschieht aus der Defensive.

Sind überhaupt vergleichbare Schritte heute noch denkbar?

Florian: Im Printmarkt sind weitere Konsolidierungen der natürliche Fortgang. Im Digitalbereich oder im Bereich der neuen Medien ist noch viel Neues möglich – etwa ein neuartiges Produkt.

Ein neues Produkt wie das von Journalisten lancierte Projekt R?

Michael: Zum Beispiel. Ich freue mich über die Investition in ein journalistisches Produkt. Zum Geschäftsmodell hat man bisher noch nicht viel erfahren. Darauf bin ich gespannt.

Peter hat mit dem Aufbau von Radio, Fernsehen und digitalen Medien vorausschauend investiert und wichtige Grundsteine gelegt. Bleibt euch mehr als die Verwaltung seines Erbes?

Michael: Verwalten wäre ganz schlecht. Was bisher zum Erfolg geführt hat – und was die DNA des Unternehmens ausmacht: Peter hat das Erreichte nie einfach verwaltet und sich hohe Dividenden ausbezahlt, sondern Gewinne reinvestiert und neue Risiken genommen, um weiter zu wachsen. Das ist der unternehmerische Weg, den wir weiterführen müssen. Er ist fürs Überleben notwendig.

Florian: Mit der Bewältigung der Digitalisierung sind wir noch nicht so weit, wie andere Schweizer Medienhäuser. Wenn wir nur verwalten, werden wir schnell abgehängt.

Was muss besser werden?

Florian: Die regional starken Marken, die wir haben, müssen wir weiter pushen. In Zeiten der Globalisierung wird die Verbundenheit zur Scholle erhalten bleiben. Und zwar egal, ob TV, Radio oder Print – oder ein Online-Portal. Im Regionalen liegen unsere Chancen und unsere Stärken, diese müssen wir aber besser nützen.

Wo hinken wir in der Digitalisierung den anderen Medienhäusern hinterher?

Michael: Wir müssen unterscheiden zwischen zwei Aufgaben. Zum einen: Wie können wir das alte Geschäft aus dem Print in die digitale Welt transformieren? Da sind wir zwar noch lange nicht am Ziel, aber im Branchenvergleich ordentlich unterwegs. Bei der zweiten Aufgabe, rein digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln, sind wir noch nicht so weit.

Kannst du das erklären?

Michael: Den Einstieg ins digitale Geschäft haben alle Verlagshäuser verschlafen. Im Gegensatz zu den grösseren Wettbewerbern hatten wir einfach nicht die Kriegskasse, um für mehrere hundert Millionen Franken ein profitables Digitalgeschäft hinzuzukaufen – wie Tamedia etwa bei jobs.ch oder Ricardo.

Der Werbemarkt bricht jedes Jahr stärker ein. Wie lässt sich der Journalismus in Zukunft finanzieren?

Michael: Das ist das grosse, ungelöste Rätsel. Ich bin aber überzeugt, dass es auch in Zukunft eine Nachfrage für gut gemachten Journalismus geben wird, speziell im Regionalen. Wie das Geschäftsmodell dann einmal aussehen wird, ist noch nicht klar. Es wird sich – wie die Zeitung früher auch – auf mehrere Einnahmequellen abstützen müssen.

Florian: Nur mit Bannerwerbung für Reichweite und Klickzahlen kann man die Vielfältigkeit, die der Journalismus braucht, nicht finanzieren. Positiv ist immerhin die Entwicklung, dass sich die Konsumenten langsam wieder daran gewöhnen, für Inhalte im Internet Geld zu bezahlen. Das war am Anfang anders . . .

. . . wer bezahlt für Inhalte?

Florian: Spotify, Netflix, für beide zahle ich ein Abo. Das sind Inhalte. Dann hat die «Bild»-Zeitung in Deutschland eine geschlossene Paywall eingeführt. Das sind neue Wege. Ob sie für alle funktionieren, lässt sich nicht abschätzen. Es ist ein Wandel in der Einstellung, alles gratis beziehen zu können.

Kennt ihr noch jemanden in unserem Alter, der eine Zeitung abonniert hat?

Florian: Nein. Klassische Printtitel nicht, eher Special-Interest-Magazine.

Michael: Ich kenne Einzelne.

Nervt euch das?

Michael: Es ist müssig, sich darüber zu ärgern. Es ist eine Entwicklung, mit der wir umgehen müssen.

Lest ihr selbst Zeitung?

Michael: Ja, sehr gerne sogar. Ich mag die Haptik und dass es ein abgeschlossenes Produkt ist. Ich komme aber hauptsächlich am Wochenende zum ausführlichen Lesen.

Florian: Ich blättere eher in Zeitungen. Und ich stosse dabei regelmässig auf Informationen, die ich bei Newsportalen verpasse, weil dort nur sichtbar ist, was am besten klickt. Eine Zeitung gibt ein viel umfassenderes Bild.

Eure Ausbildung sowie die Berufserfahrung hat euch Tür und Tor für lukrative Jobs geöffnet. Banker, Berater, Anwalt. Wieso Medien?

Michael: Weil es eine Riesenchance ist, ins eigene Unternehmen einzusteigen, Verantwortung zu übernehmen und gestalten zu können. Zudem habe ich eine grosse Leidenschaft für journalistische Produkte. Wir sind damit aufgewachsen. Heute scheint es wichtiger denn je, guten Journalismus zu erhalten. Da haben wir als Verlag auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung.

Lockte das grosse Geld denn nie?

Florian: Es ist kein Geheimnis, dass sich in anderen Branchen mehr Geld verdienen liesse. Doch die Chance zu erhalten, so früh Verantwortung zu übernehmen, ist einmalig. Und dieses Vertrauen zu spüren, spornt an. Faszinierend an der Branche ist die Rolle, welche die Medien in einer Demokratie einnehmen: Aufklärung und Einordnung.

Michael: Aber natürlich haben wir auch das Ziel, Geld zu verdienen. Wir befinden uns in einer Transformations-Phase, die mit sehr viel Unsicherheit verbunden ist. Wenn wir alleine aufs Geld schauen würden, könnten wir den Laden verkaufen und in Immobilien investieren.

Die Branche hat eine Zukunft?

Florian: Sicher!

Aller Pessimismus über rücklaufende Werbezahlen sind Schwarzmalerei?

Michael: Nein. Der Strukturwandel ist in vollem Gange. Ich gehe davon aus, dass Print nicht ganz verschwinden wird. Aber es wird neue Modelle brauchen und neue Einnahmequellen, um Journalismus zu finanzieren. Und es gibt ja auch gute Nachrichten – etwa dass Medien mehr Menschen erreichen können als je zuvor.

Florian: Unser Vorteil ist, dass wir sehr gut aufgestellt sind: Im Print sind wir stark, im Fernsehen wachsen wir und Radio hält sich konsequent. Radio ist das Medium, das am wenigsten unter der Digitalisierung leidet. Wir reden zwar in Bezug auf den Medienmarkt von einem kleinen Teil, aber er ist wichtig fürs Unternehmen.

Läuft es bei Radio 24 gut?

Florian: Auch das Radiomachen hat bessere Zeiten gesehen. Aber wir verdienen damit Geld.

Watson befindet sich noch immer in der Aufbauphase. Wie lange dauert es noch, bis das Projekt fliegt – oder bis der Geldhahn zugedreht wird?

Michael: Wir ziehen es durch. Wir brauchen etwas länger als ursprünglich geplant. Aber das Produkt ist gut und wir sind schon weit gekommen. Jetzt haben wir ein paar Weichen gestellt, von denen wir uns schnelleres Wachstum erhoffen.

Welche?

Michael: Wir investieren ins Marketing, entwickeln neue Produkte und bauen Video aus – Letzteres ist vor allem kommerziell interessant.

Welche Medien habt ihr heute bereits konsumiert?

Florian: Radio, Watson und diverse soziale Medien.

Facebook?

Florian: Instagram, Facebook und Snapchat.

Michael: Ich starte am morgen jeweils mit Watson, lese die AZ auf dem Tablet und an guten Tagen die gedruckte NZZ. Zwischendurch nutze ich Facebook. Ausführlich lese ich am Wochenende.

Und abends? Schaut ihr noch fern?

Florian: Selten.

Michael: Fussball und zeitverschoben die «Tagesschau».

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