NAB-Regionalstudie

Der Pendlerverkehr ist Fluch und Segen für den Aargau

Die Pendlerströme in und aus dem Aargau belasten die Verkehrs-Infrastruktur.

Die Pendlerströme in und aus dem Aargau belasten die Verkehrs-Infrastruktur.

Die Aargauer sind mit Auto und Zug schnell in den grossen Zentren Zürich, Basel und Bern. Das ist nach wie vor ein grosser Standortvorteil des Kantons. Allerdings: Die Verkehrsinfrastruktur wird an ihre Grenzen stossen.

«Der Aargau ist und bleibt sehr attraktiv für Firmen und Private.» Dies das Fazit von Peter Bühlmann, dem Chef der Neuen Aargauer Bank, zur neusten NAB-Regionalstudie. Sie ist dem Thema Mobilität und Verkehr gewidmet. Gesamthaft ist der Kanton im Standortrating vom dritten auf den fünften Platz abgerutscht, er behält aber Rang drei auf dem Podest, was den Standortfaktor Erreichbarkeit betrifft.

Erreichbarkeit, das heisst: Wie nahe bin ich an einem wie grossen Absatzmarkt, an einem wie grossen Angebot an Arbeitsplätzen bzw. Arbeitskräften? Hier hat der Aargau mit seiner verkehrstechnisch idealen Lage zwischen den grossen Zentren Zürich, Basel und Bern nach wie vor einen seiner grossen Standortvorteile. Je höher die Erreichbarkeit, desto höher ist aus Unternehmersicht das Marktpotenzial.

Und für Privatpersonen ist eine gute Erreichbarkeit potenzieller Arbeitsstätten für die Wohnortwahl wichtig. Sein diesbezüglicher Standortvorteil hat den Aargau zum beliebtesten Wohnkanton der ganzen Schweiz gemacht. Die positive Nachricht: Die Autoren der Regionalstudie gehen davon aus, dass die Erreichbarkeit im Aargau weiter steigen wird, was sich positiv auf die Standortqualität auswirkt. Die schlechte: Die Aussichten darauf werden dadurch beeinträchtigt, dass die Verkehrsinfrastruktur an ihre Kapazitätsgrenzen stösst.

Niemand pendelt mehr und länger

Der Aargau ist ein Land von Pendlern. Und zwar hauptsächlich von Autopendlern. Rund 73 Prozent der Aargauer pendeln mit dem Auto zur Arbeit, so viele wie in keiner anderen Region der Schweiz. Das ist auch ein Grund, weshalb die Haushaltausgaben für den Individualverkehr nirgends sonst so hoch sind.

Seit den 1950er-Jahren hat sich die Zahl der Binnenpendler im Aargau verfünffacht. Jene der Beschäftigten, die aus einem anderen Kanton in den Aargau oder von hier in einen anderen Kanton zur Arbeit pendeln, sogar verzwölffacht. Und was die NAB-Regionalstudie zeigt: Die Aargauer legen nicht nur generell längere Distanzen für ihren Arbeitsweg zurück als der Durchschnittsschweizer. Es sind gerade die Neuzuzüger, die eine grössere Bereitschaft für immer längere Pendeldistanzen haben. Die Folgen sind bekannt: Das Verkehrsaufkommen ist (nicht nur, aber auch deswegen) weit stärker gewachsen als die Bevölkerung, die Staustunden werden mehr. Und das ist ganz schlecht für den Standorttrumpf Erreichbarkeit.

Nicht nur Kapazitätsausbau

Die Schlussfolgerung liegt für NAB-Chef Peter Bühlmann auf der Hand: «Damit der Aargau bei der Standortqualität an der Spitze bleibt und weiter wachsen kann, sind Investitionen in die Verkehrsnetze für die Entwicklung des Kantons unabdingbar.» Anziehungspunkt der grössten Pendlerströme im Kanton ist die Region Baden, und die grössten Zupendlerströme stammen neben dem Mutschellen aus der Region Brugg/ Zurzach. War es demnach ein Fehler der Regierung, die Übung Baldeggtunnel abzubrechen?

Man nehme nicht politisch Stellung zu einzelnen Verkehrsprojekten, sagt Thomas Rühl vom Economic Research der Credit Suisse. In ihrem Fazit kommen er und seine Co-Autoren der Regionalstudie allerdings zum Schluss, dass sich in einem dicht bebauten Land der Ausbau der Kapazitäten generell schwierig gestalte und daher angesichts der steigenden Stauproblematik «vor allem Effizienzsteigerungen der bestehenden Infrastruktur in den Vordergrund rücken».

Es seien neue Lösungen gefragt, heisst es im Bericht. Als Ansätze werden Möglichkeiten des technischen und ökonomischen Mobilitätsmanagements genannt. Ein Beispiel für technisches Mobilitätsmanagement sind Anzeigetafeln oder Smartphone-Apps, die es Pendlern ermöglichen, je nach aktueller Verkehrslage den optimalen Modal-Split (Auto, Bahn, Velo) der Verkehrsmittel zu planen. Das ökonomische Mobilitätsmanagement wäre ein Road Pricing oder Mobility Pricing (bezieht auch den öffentlichen Verkehr ein). Früher oder später werde man in der Schweiz darüber nachdenken müssen, so Rühl.

downloadDownloadpdf - 3 MB

Meistgesehen

Artboard 1