Gastkolumne

Zur neuen 50er-Note: Unterwürfig und belanglos

Die neue 50er-Note.

Die neue 50er-Note.

Wir haben selten einen so glücklichen Nationalbankpräsidenten erlebt wie bei der Vorstellung der neuen 50-Franken-Note. Thomas Jordan hat gestrahlt wie ein Maikäfer. Das mag man ihm gönnen, denn er hat genug Sorgen mit dem starken Franken und den Finanzkrisen.

Die Medien liessen sich von seiner Begeisterung anstecken, es wurde fast nur gelobt und gejubelt. Vermutlich waren vorwiegend Wirtschaftsjournalisten am Presseempfang, die viel Sinn für Zahlen haben, aber weniger für Kultur. Gelobt haben sie, dass es auch in Zukunft noch Nötli gibt und nicht nur virtuelles Geld, dass es sogar die 1000er-Note weiterhin geben wird. Gejubelt haben sie, weil auch in Sachen Sicherheit prima Arbeit geleistet wurde. Über Tinte und Papierqualität haben sie seitenlange Abhandlungen geschrieben.

Ein Land in der Identitätskrise mit Noten ohne Tiefe

Leider sind sie nur am Rande auf das Wesentliche eingegangen, nämlich auf das, was für den Benützer der Nötli wirklich zählt, das, was man auf den Noten vorne und hinten sieht. Sie haben es lediglich als «uninspiriert» und «banal» abgetan, aber nicht weiter analysiert. Dabei interessieren vor allem diese Bilder. Die Bürger eines Landes nehmen ihre Banknoten nicht nur als Träger ihres pekuniären Tauschwerts wahr, sondern auch als Träger viel wichtigerer Werte des Landes, die sich nicht in Fränkli und Räpplern ausdrücken lassen.

Banknoten kündeten bei uns und in andern Ländern immer auch von der Geschichte, von den grossen Figuren des Landes, den stolzen Werken der Architektur oder Ingenieurskunst, von Dichtern und Denkern. Wer jeden Tag beim Griff ins Portefeuille die Gesichter von der Malerin Sophie Täuber-Arp, von Maler und Skulpteur Alberto Giacometti, von Komponist Arthur Honegger, von Historiker Jacob Burckhardt oder Schriftsteller Charles-Ferdinand Ramuz antrifft, wird daran erinnert, dass wir gute Leute haben und hatten, auf die wir stolz sein können. Man fühlt sich einer Gemeinschaft angehörig, einem Land, das mehr ist als nur seine Banken, seine Berge und seine Schokolade.

Zum Glück gibt es in unseren Zeitungen noch die Leserbriefseiten, wo die Meinung der «normalen» Bürger Ausdruck findet: Dort wurde nachgeholt, was die Medien verpasst haben. Es gibt bei den Lesern eigentlich fast nur Ablehnung und heftige Kritik. «Nichtssagender hätte man die Noten nicht gestalten können», meint ein Leser, «Die Note repräsentiert die heutige Schweiz: unterwürfig, belanglos, die eigene Identität negierend» ein anderer. Besser könnte man es nicht sagen.

Bloss nicht provozieren

Unter dem Vorwand, man verzichte auf die Abbildung von Persönlichkeiten, weil dies «ein Blick in die Vergangenheit» sei, man wolle vielmehr vorausschauen, «die Vielfalt der Schweiz» darstellen, hat man bei der Nationalbank den kleinsten gemeinsamen Nenner genommen, eine anonyme Hand, die so auswechselbare, banale Dinge hält wie Gleitschirm, Skifahrer, Schmetterling, Uhrwerk. Das ist auf der 50er-Note das neue Wahrzeichen für die Schweiz: der Wind und ein verblühter Löwenzahn!

Passt vielleicht zu den Banken, die sich immer nach dem Wind ausrichten, aber nicht zur Idee, die man sich von den besten Schweizer Qualitäten machen kann. Es ist vielmehr das Bild von einer Schweiz, die alles vermeidet, um irgendwo Anstoss zu nehmen. Man weiss ja, wie viele Fanatiker bei jeder Persönlichkeit des letzten Jahrhunderts sofort herausgefunden haben, dass sie nicht linke Gutmenschen waren und deshalb nicht ins Pantheon der ehrwürdigen Erinnerung gehören (ich nenne nur Le Corbusier, Auguste Forel, Louis Agasitz, Jacob Burckhardt).

Man weiss ja auch, dass es immer mehr einflussreiche Mächte gibt, die zwar die Schweizer Banken und unseren harten Franken lieben, aber die Werte, auf denen unser Wohlstand und unsere Freiheit fussen, zutiefst verachten und bekämpfen. Diese «guten Kunden» provoziert man lieber gar nicht erst: Da eignet sich halt eine verblühte Söiblueme im Wind bestens, die ist garantiert für niemanden auf dieser ganzen Welt eine Herausforderung.

Ja, die Leser haben recht, wenn sie reklamieren, die neuen Banknoten widerspiegelten das Bild von einer Schweiz der Unterwürfigkeit, der Beliebigkeit und letztlich des Verzichts auf eine klare Identität. Ich kann an diesen Nötli überhaupt keine Freude haben.

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