Darauf hatte ich gewartet: «Tochter verklagt Eltern wegen Töpfchenfotos» hiess es in der «Ganzen Woche». Nicht, dass ich je schon von der «Ganzen Woche» gehört hätte, aber ihr wisst ja, wie es heutzutage läuft: «Heisse» Geschichten werden von allen Medien übernommen – auch wenn sie aus dem hintersten Kaff stammen. Darum war die Story auch bald in der Schweiz Thema.

Die Kurzversion: Eine Tochter soll, kaum hat sie die Volljährigkeit erreicht, ihre Eltern verklagt haben, weil sie ständig (in ihren Augen kompromittierende) Fotos von ihr auf Facebook gepostet hätten. Na Halleluja, das ist doch mal ein Knaller. Endlich kriegen es diese egoistischen Eltern zurück, die ihre Kinder nicht mal um Erlaubnis fragen, wenn sie Fotos von ihnen verbreiten und sie damit Spott und Häme ausliefern. Dachte man.

Nicht ich, denn ich bin der Meinung, Eltern sollten über genug gesunden Menschenverstand verfügen, um beurteilen zu können, was sie von oder über ihren Nachwuchs teilen wollen. Wie sie ja auch in allen anderen Belangen für ihre Kinder entscheiden. Dass man die Sache mit Vorsicht angehen sollte, keine Frage. Auch dass es viele Eltern gibt, die übers Ziel hinaus schiessen, ist klar. Aber die «Mein-Kind-soll-selbst-entscheiden-sollen, was-es-von-sich-zeigt»-Fraktion ist mir dann doch zu puristisch.

Wie auch immer, die Geschichte war wohl zu reisserisch, um wahr zu sein. Bisher konnte sie nicht bestätigt werden.

Ich hätte mich ehrlich gesagt auch über die vorherrschenden Familienverhältnisse gewundert, wäre an der Sache etwas dran gewesen.Können Eltern und Kinder so aneinander vorbeikommunizieren?

Ein bisschen nachdenklich hat es mich allerdings schon gemacht und so habe ich mich dann aus Jux gefragt, wofür mich meine Tochter wohl dereinst verklagen wird – dabei bin ich nach derselben Logik vorgegangen, nach der der «Ganze Woche»-Artikel wahr ist. Also, meine Tochter wird mich verklagen...

  • Weil ich sie nicht mit dem grossen Fleischmesser spielen lasse.
  • Weil ich sie nicht ausschliesslich mit Glacé ernähre.
  • Weil ich ihr ein Zäpfli geben musste.
  • Weil ich sie nicht auf dem Fenstersims balancieren lasse.
  • Weil ich sie nicht mit dem nagelneuen Smartphone auf dem Kiesweg habe rennen lassen.
  • Weil sie keine Knete essen darf.
  • Weil ich ihr einmal den Nuggi nicht sofort gegeben habe.
  • Weil sie mit 2 Jahren nicht alleine die Strasse überqueren darf.
  • Weil ich lachte, als sie weinte, nachdem ich sie davon abgehalten habe, die Treppe herunterzustürzen.
  • Weil ich das Essen, das sie zu Boden geworfen hat, wieder auflese.
  • Weil sie nicht die Wände und Möbel mit Filzstift vollkritzeln darf.
  • Weil irgendwas mit dem Bäbi (weiss leider noch immer nicht, was).
  • Weil ich sie zu einem Mittagsschlaf genötigt habe.
  • Weil sie nicht mit fremden Männern mit Hunden mitgehen darf.

«wir eltern»