Per Autostopp um die Welt

«Tonight, bumm, bumm?» – als Tourist in Bangkok

Autostöppler Thomas Schlittler verbringt die letzten Tage seiner Autostopp-Pause in Bangkok. Nächste Woche reist er weiter in Richtung Myanmar. Diesmal schreibt er über den allgegenwärtigen Sextourismus in Thailands Hauptstadt.

Herr Schlittler, Sie wollten diese Woche keine Kolumne schreiben, sondern mit sich selbst ein Interview führen. Wieso?

Thomas Schlittler: Nach einem Monat in Bangkok ist es mir ein Anliegen, den Sextourismus in dieser Stadt – und in ganz Thailand – zu thematisieren. Da dies ein heikles Thema ist und ich dazu ganz viele verschiedene Aspekte im Kopf habe, halte ich ein Interview für die passendere Form, um auf wenig Platz darüber zu berichten.

Spätestens seit dem zweiten Teil der US-Komödie „Hangover“ gilt Bangkok als Hort der Sünde. Zu recht?

Auf jeden Fall. Ich habe noch nie eine Grossstadt gesehen, in der Sex und Prostitution so präsent sind wie hier. Jedes Viertel scheint mindestens eine Rotlicht-Meile zu haben. Manchmal versuchen zwielichtige Verkäufer auch in normalen Fussgängerzonen und Märkten, dich in eine Sexshow zu locken. Diese gibt es mit Frauen, Männern und Ladyboys. Und selbst in seriös aussehenden Massagesalons muss man aufpassen, dass man nicht unfreiwillig ein sogenanntes Happy End bekommt.

Das hört sich jetzt so an, als würden die armen männlichen Gäste praktisch zum Sextourismus gezwungen ...

So ist es natürlich nicht. In einen Stripclub oder ein Puff läuft jeder freiwillig. Aber der Unterschied in Bangkok ist, dass die Grenzen fliessend sind. Manchmal läuft man in eine scheinbar ganz normale Bar oder in einen Club und wird dann ständig von jungen Frauen angesprochen, die Prostituierte sind. Mit der Zeit sieht man dann jede Frau als potenzielle Prostituierte – oft zu unrecht. So macht es wenig Freude, in den Ausgang zu gehen.

Sie haben also nur ein Problem mit Prostitution, wenn sie nicht auf Anhieb als solche erkennbar ist?

Nein, ich bin so oder so kein Fan der Prostitution. Ich habe auch noch nie für Sex bezahlt – denn ich will nur Sex mit jemandem, der auch wirklich Sex will mit mir. Sonst würde es mir keinen Spass machen. Ich finde Prostitution deshalb in erster Linie etwas Trauriges: Es ist traurig, dass es so viele Männer gibt, die extra nach Thailand fliegen, weil sie zu Hause offenbar keine Frau finden, die freiwillig und kostenlos mit ihnen ins Bett will. Und es ist noch viel trauriger, dass es in Thailand so viele junge Frauen gibt, die aus ökonomischen Gründen Sex haben mit diesen Männern.

Viele Frauen in ärmeren Ländern sehnen sich nach Luxus und dem Reichtum des Westens. Sie tun alles dafür - auch Sex haben. Ist das nicht einfach ein Teil unseres Wirtschaftssystems?

Natürlich spielt das Wohlstandsgefälle eine grosse Rolle - aber das legitimiert die Prostitution nicht. Eine Prostituierte, die mich in einer Bar angesprochen hat, sagte mir, dass sie früher im Büro gearbeitet habe und monatlich 17'000 Baht (rund 470 Franken) verdient habe. Seit sie als Prostituierte arbeite, komme sie auf 60'000 Baht (rund 1650 Franken). Es war also ein Stück weit ihre eigene, finanziell getriebene Entscheidung. Würde sie aber aus einer reichen Familie stammen, würde sie ihren Körper nicht verkaufen. Und das nutzen die verhältnismässig reichen Touristen aus.

Bangkok bei Nacht – ein Hort der Sünde

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Jetzt klingen Sie wie ein Heiliger.

Ich bin kein Kind von Traurigkeit. Hier in Bangkok habe ich auch mal eine der überall angepriesenen Pussy-Pingpong-Shows besucht. Eine Frau lässt Tischtennisbälle aus ihrer Vagina spicken und ein Typ an der Bar verteilt die Bälle mit einem Schläger im Raum – etwas vom Absurdesten und Unerotischsten, was ich je gesehen habe. Doch das ist ein Teil von Bangkok und deshalb wollte ich es mit eigenen Augen sehen. Damit habe ich ein Stück weit auch zum Sextourismus beigetragen, dessen bin ich mir bewusst. Aber die Neugier war zu gross.

Sollte man Prostitution verbieten?

Das würde wohl nur zu noch grösseren Problemen führen – Stichwort Vergewaltigungen. Doch vielleicht müsste man sich mal überlegen, eine Art Fair-Trade-Prostitution zu schaffen. Die Prostituierte, mit der ich in der Bar gesprochen habe, hätte wahrscheinlich selbst entscheiden können, ob sie mit mir nach Hause geht oder nicht. Sie hatte einen freien Willen. Ich habe aber auch einen Club gesehen, in dem 30 bis 40 Frauen splitternackt auf einer Bühne standen, alle mit einer Nummer versehen. Die geifernden alten Säcke im Raum nannten dann der Kellnerin eine Nummer und verschwanden mit der entsprechenden Frau im Hinterzimmer – wie bei einer Viehschau, ohne dass sie vorher ein Wort mit ihr gewechselt haben. Das ist für mich schon nochmal eine andere Stufe. Total respektlos!

In Bangkok – und ganz Thailand – ist der Anteil der Sextouristen hoch. Verändert das den Umgang der Einheimischen mit den Touristen?

An den meisten Orten sind die Thailänder trotzdem  erstaunlich freundlich und respektvoll gegenüber Touristen. Manchmal merkt man aber schon, welches Image wir Europäer hier haben. Einmal, als ich zusammen mit einem Reisekumpel ins Stadtzentrum gefahren bin, sagte der Taxifahrer grinsend: «Tonight, bumm, bumm?» Wir wollten in ein ganz normales Pub, doch für ihn war klar: Europäer gleich Sextourist. Dass sie hier dieses Bild von uns haben, sollte uns schon zu denken geben.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

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