Per Autostopp um die Welt (6)

So lacht und lebt man in einem Land, das es offiziell gar nicht gibt

Falls ich mal in die Politik möchte, könnte mir dieses Selfie zum Verhängnis werden – egal: «Ich liebe Tiraspol» - nicht zuletzt wegen meines Gastgebers Costa.

Falls ich mal in die Politik möchte, könnte mir dieses Selfie zum Verhängnis werden – egal: «Ich liebe Tiraspol» - nicht zuletzt wegen meines Gastgebers Costa.

Per Autostopp um die Welt – Woche 6: Thomas Schlittler befindet sich in Transnistrien, einem Land, das es offiziell gar nicht gibt. In Tiraspol lernt er Costa kennen. Er will zeigen, dass seine Heimat kein Loch ist.

Oleg, der einzige Senior in der zehnköpfigen Runde, gibt ein russisches Volkslied zum Besten. Er hat dabei diesen ernsten, gleichzeitig selbstironischen Ausdruck auf dem Gesicht, den nur der liebe Alkohol hervorzaubern kann.

Ich verstehe kein Wort, sitze still in der Ecke, und kann nicht aufhören zu grinsen. Zugegeben, dass mir meine Gastgeber ständig Bier und Vodka nachschenken, macht mein Grinsen etwas breiter als sonst.

Autostopp – auf dem Weg nach Rumänien

Autostopp – auf dem Weg nach Rumänien

In erster Linie kommt meine Zufriedenheit aber daher, dass ich einen ausgelassenen Samstagabend mit Einheimischen erleben darf – in Transnistrien, einem Land, das es offiziell gar nicht gibt.

Transnistrien liegt zwischen Moldawien und der Ukraine. Das Land ist rund doppelt so gross wie der Kanton Zürich, gehört völkerrechtlich zu Moldawien und wird von keinem Staat der Welt anerkannt.

Nichtsdestotrotz gibt sich Transnistrien seit 1990 unabhängig. Dank der finanziellen Unterstützung aus Russland feiern die rund 500‘000 Einwohner im September den 25. Geburtstag ihres Landes - inklusive eigener Regierung, eigener Armee, eigener Grenzkontrollen, eigener Pässe und eigener Währung.

Über die Internetplattform Couchsurfing habe ich Costa kennengelernt, bei ihm lebe ich vier Tage lang in der transnistrischen Hauptstadt Tiraspol.

Der 27-Jährige redet über die Korruption, die ein grosses Problem sei; über das Sozialsystem, das diesen Namen nicht verdiene; über das transnistrische KGB, das ihn angerufen habe, und wissen wollte, wieso er so viele ausländische Gäste empfange; über Rassismus in der Gesellschaft, wegen dem er sich davor scheue, Schwarze bei sich aufzunehmen.

So süss sind die Hundebabys bei Costa zuhause.

So süss sind die Hundebabys bei Costa zuhause.

Trotz aller Kritik liebt Costa sein Land: «Das Leben in Transnistrien ist sicher nicht perfekt, aber in anderen osteuropäischen Ländern ist es nicht besser.»

Costa will seinen Gästen aus aller Welt zeigen, dass Transnistrien kein Loch ist und dass man keine Angst zu haben braucht, hierherzukommen. Er ist stolz auf die transnistrische Unabhängigkeit, eine Wiedervereinigung mit Moldawien kommt für ihn nicht infrage. «Wir können mit dem Status quo ganz gut leben», sagt er.

Wie lange dieser bestehen bleibt, ist jedoch ungewiss. Vor wenigen Monaten musste die transnistrische Regierung die Beamtenlöhne drastisch kürzen, weil die Millionenzuschüsse aus Russland teilweise ausbleiben.

Und Anfang Juni hat die Ukraine ein Gesetz verabschiedet, das es Russland ab sofort verbietet, seine Truppen in Transnistrien wie bisher über ukrainische Häfen zu versorgen. Das könnte den eingefrorenen Transnistrien-Konflikt plötzlich anheizen.

Am Abend in der Bar interessiert uns die Politik aber von Stunde zu Stunde weniger. Als Oleg fertig gesungen hat, werde ich aufgefordert, ein Lied vorzutragen – am besten eines mit Bezug zu Russland.

Mir fällt nur Dschingis Khan ein. Mit ernstem, gleichzeitig selbstironischen Gesichtsausdruck singe ich: „Moskau, Moskau / Wirf die Gläser an die Wand / Russland ist ein schönes Land / Ho Ho Ho Ho Ho, Hey.“ Ausser mir versteht niemand ein Wort, aber alle lachen sich schlapp.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: Per Autostopp um die Welt.

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