Zu Silvester, geschätzte Leserschaft, hauen wir dem guten Geschmack mal so richtig eins in die geschürzte Schnute! Schliesslich haben wir uns das ganze Jahr hindurch gezügelt und uns allen modernen Food-Trends unterworfen, auf dass wir schlank und attraktiv und moralisch rein zu bleiben vermöchten. Zum Jahresausklang nun werfen wir sämtliche dergestaltigen Hemmungen über Bord. Vergessen Sie also die total angesagte nahöstliche Mezzetafel oder das hippe Biokräuter-Rohmilchkäse-Raclette mit Trachselwalder Sauerampfergin. Wir basteln uns ein Retro-Schweinereienbuffet, dass der hippen Zürcher Verwandtschaft die Indian Pale Ale-Schwarte kracht!

Zu diesem Zweck kramen wir uns ein paar alte Kochbücher aus dem Schwartenbeilschen Fundus und lassen uns von den Festtagsbildern inspirieren. Amalie Schneider-Schlöths «Echte Basler Kochschule» in der Ausgabe von 1935 enthält beispielsweise wunderbare Serigraphien von gefüllten Eiern, russischem Salat auf Brüsseler Salatschiffchen und sulzüberglänzten Schinkenröllchen mit Schinkenmoussefüllung. Auch eine ringförmig-durchsichtige Scheusslichkeit namens «Fische in Aspik» erscheint uns in ihrer glibbrigen Wackelei geeignet, unsere Gäste in angemessene Panik zu versetzen. Überhaupt verbreiten alle in Gelee erstarrten Köstlichkeiten genau jene verstaubte kulinarische Nostalgie, die wir für unsere Silvesterschlemmerei ins festliche Wohnzimmer holen wollen.

Ein zweifelhaftes deutsches Party-Kochbuch aus den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts inspiriert uns zur Verfertigung eines Mett-Igels mit Stacheln aus in Stäbchen geschnittenen rohen Zwiebeln, und ein englisches Kochbuch aus den Achtzigern legt uns den Ersatz der Pommes Chips durch selbstgebackene Pork Cracklings nahe. Auch Paul Bocuses «Die Neue Küche», die schon zur Zeit ihrer Lancierung nicht mehr neu war, enthält wundervolle Sauereien: Nicht alles ist so aufwändig wie der dort abgebildete «Lievre royale du sénateur Couteaux», dessen mit Blutsauce überzogener Schädel selbst dem hartgesottenen Schwartenbeil den Appetit zu rauben vermag. Die Lyonnaiser Wurst im Brioche-Teig beispielsweise ist fürchterlich aus der Zeit gefallen, lässt sich aber einfach herstellen und sieht äusserst dekorativ aus!

Schliesslich empfehlen wir Ihnen die Bereitstellung einer wunderbar altmodischen Salatkreation, die den Geist längst vergangener französischer Luxusgastronomie atmet: Einer Salade de hommard, die der in Ammerschwihr im «Aux Armes de France» wirtende Pierre Gaertner seinem legendären Lehrmeister Fernand Point zu Ehren auf die Karte nahm und die Ihnen sein Sohn und Nachfolger Philippe noch heute serviert. Das Rezept ist denkbar simpel: Garnieren sie einen kleinen Blattsalat grosszügig mit Hummerstücken und zwei bis drei Löffeln hervorragender Terrine de foie gras und nappieren sie diese Trias mit einer selbstgemachten Sauce Cocktail! Dazu reichen wir Champagner der Maison G. H. Mumm, dessen uraltmodisches Erscheinungsbild perfekt auf unsere Retro-Tafel passt. Bonne année!