Ärgern Sie sich auch über verspätete Züge? Dann stimmen Sie doch Ja zur Service-Public-Initiative am 5. Juni.

Nerven Sie sich über zu hohe Swisscom-Tarife? Bestimmt! Stimmen Sie ja!

Sind Sie Bewohnerin eines Dorfes, dessen Poststelle geschlossen wurde? Stimmen Sie Ja.

Und alles wird gut. Oder zumindest besser. Setzen Sie ein Zeichen. Diese Manager verdienen so oder so zu viel.

Die Verführung wirkt

So einfach ist die Welt, zumindest, wenn man Peter Salvisberg heisst und die Kampagne für die verführerische Service-Public-Initiative führt.

Zugegeben: Diese Kampagne ist gut. Sie zielt auf den Bauch von uns Konsumenten. Sie verspricht vieles und legt nur wenig fest.

Sie holt uns dort ab, wo wir uns im Alltag tatsächlich über SBB, Swisscom oder die Post ärgern.

Dass zentrale Elemente der Initiative schwammig bis missverständlich formuliert sind, ist für Salvisberg und seine Mitstreiter bisher kein Nachteil.

Dass die Initiative die bundesnahen Betriebe in ein Korsett zwängen würde, das die Rentabilität der Unternehmen gefährdet: Interessiert offenbar nur eine Minderheit.

Dass mit einem Ja auf dem Stimmzettel keine einzige Poststelle zurückkehrt, kein einziger Zug pünktlicher fährt, und auch keine Handy-Tarife sinken: Nebensache. Die Verführung wirkt.

Fast 60 Prozent wollen der Vorlage zustimmen, obwohl sämtliche relevanten politischen Kräfte in diesem Land ein Nein empfehlen.

Wie ist so eine Entwicklung nur möglich? Die Antwort: Das politische System direkte Demokratie ist gestresst und damit anfälliger für irrationale Entscheide.

Die Überforderung von Stimmbürgern und Medien ist angesichts der schieren Menge von Sachvorlagen, über die wir Quartal für Quartal zu bestimmen haben, evident.

Wer kann sich schon vertieft alleine mit fünf bundespolitischen Fragen auseinandersetzen?

Die Ursache dieses Dauerstresses liegt darin, dass es sich eingebürgert hat, permanenten Wahlkampf zu betreiben und Initiativen als Mobilisierungsmittel zu missbrauchen.

Es geht um Show, es geht ums Agenda-Setting, es geht um die Profilierung von Parteien und Personen.

Die nüchterne Auseinandersetzung um relevante Fragen, an deren Ende ein rationaler Mehrheitsentscheid gefällt wird, tritt vermehrt in den Hintergrund.

Wir reden über Burka-Trägerinnen, obwohl es kaum Burka-Trägerinnen gibt. Wir fordern eine höhere AHV-Rente, obwohl die AHV mittelfristig auf wackligen Beinen steht.

Und wir gaukeln dem Stimmvolk vor, man könne autonom die Zuwanderung beschränken, ohne dass sich dies negativ auf unsere Beziehungen zu Europa auswirken würde. Selber schuld, wer es glaubt.

Und so diskutieren wir nun halt auch die Verspätung der Züge und die Swisscom-Tarife, obwohl diese am 5. Juni gar nicht zur Debatte stehen.

Mit verführerischen Initiativ-Titeln – Pro Service-Public: Wer ist da schon dagegen? – und einer wahlweise wirren, emotionalen oder demagogischen Kampagne wühlen die geschickten Agitatoren Volkes Seele auf.

Die Verführer spielen mit uns, ob sie nun Christoph Blocher, Peter Salvisberg oder Christian Levrat heissen.

Je mehr Geld sie haben, desto effizienter können sie uns manipulieren. Dies erklärt, warum reiche Männer die direkte Demokratie besonders toll finden. Sie ist ihre perfekte Spielwiese.

Der Zwang zur Rechtfertigung

Der fulminante Aufstieg der SVP zur mit Abstand stärksten Partei des Landes wäre ohne die Showbühne direkte Demokratie so nicht möglich gewesen.

Die Rolle, die Blocher und andere Populisten zu spielen vermögen, wäre ohne regelmässige Volksabstimmungen weniger dominant.

Angesichts der Entwicklung in den letzten 20 Jahren ist es eigentlich wenig erstaunlich, dass eine so attraktiv formulierte Initiative wie jene von Peter Salvisberg auf eine Volksmehrheit hoffen darf.

Man kann es auch positiv sehen: Die Eliten sind gezwungen, sich permanent zu erklären, die Bürgerinnen und Bürger abzuholen, eine einfache Sprache zu sprechen. Das ist ein Vorteil des Systems.

Oft kommt es ja auch gut. Die Mehrheit merkt rechtzeitig, dass die Verführung, die ihr aufgetischt wird, am Ende unappetitlich sein könnte.

Doch es kommt eben nicht immer gut. Die Pannen häufen sich. Keine Frage: Die direkte Demokratie gehört zur ADN der Schweiz. Dennoch lohnt es sich, gerade in stressigen Zeiten die Entwicklung kritisch zu beobachten.