Glosse

Seenot im Binnenland

So wirbt Tamedia – aber was haben die Pyros genau mit dem Verlag zu tun? ho

So wirbt Tamedia – aber was haben die Pyros genau mit dem Verlag zu tun? ho

Pyros gleich Hooligan gleich illegal. Oder doch nicht, Tamedia?

«Here we are», so lautet der selbstbewusste Slogan der jüngsten Tamedia-Kampagne. Im Bild junge Menschen, die vor eindrücklicher Kulisse eine Fackel in die Höhe halten. Eine Fackel? Ja. Aber nicht so eine, wie sie die Neandertaler zur Beleuchtung ihrer Höhlen benutzten oder der Freiheitsstatue als Symbol der geistigen Aufklärung in die Hand gelegt wurde. Sondern eine Magnesiumfackel, die sich auf über 2000 Grad erhitzt und in der Nacht aus weit über zehn Kilometern Entfernung sichtbar ist. Denn dafür werden diese Dinger in erster Linie fabriziert: Als Signalleuchten für Personen, die sich in (See-)Not befinden. In unseren Breitengraden kennt man sie freilich eher aus Fussballstadien oder von Kundgebungen. Dass sich die Fackelträger dabei zu vermummen pflegen, hat seinen guten Grund. Und: Es sind gerade die Tamedia-Publikationen, die jeweils nicht zögern, solche Aktionen zu verurteilen.

Darum die Frage ans Bundesamt für Polizei: Darf man diese Dinger einfach so mir nichts, dir nichts abbrennen?

Im entsprechenden Gesetz heisst es nämlich, es sei verboten, «pyrotechnische Gegenstände, die für andere Zwecke bestimmt sind, zu Vergnügungszwecken zu verwenden». Das Fedpol erkennt in der Kampagne dennoch «keinen strafrechtlich relevanten Tatbestand». Denn es handle sich «hierbei vermutlich um einen professionellen Einsatz». Ganz glücklich scheint das Bundesamt aber doch nicht zu sein: Denn die Werbebilder «könnten das Publikum irreführen und zum Gebrauch pyrotechnischer Gegenstände animieren». Entscheidend für die Nutzung seien die Absichten und der Anlass.

Tamedia beteuert, keinen Aufwand gescheut zu haben, um sich rechtlich abzusichern. Man habe im Vorfeld der Kampagne mit «mehreren Polizeikorps, der Feuerwehr und Skyguide Kontakt aufgenommen». Zudem traue man dem Publikum zu, «zwischen dem Einsatz einer Fackel in einer Menschenmenge und im kontrollierten Rahmen eines Fotoshootings zu unterscheiden».

Bleibt die Frage, was genau Pyros mit einer Werbemarktorganisation zu tun haben. Sind sie die Folge eines lockeren Spruchs von Tamedia-Verleger Pietro Supino? Als er 2015 den Abgang des damaligen Chefredaktors verkündete, sagte er, dass dieser im Unterschied zu Havariekapitän Schettino «nicht vorzeitig von Bord» gehe. Die Journalisten raunten, sahen sie sich doch auf einem sinkenden Schiff. Die Befürchtungen trafen glücklicherweise nicht ein, Tamedia existiert weiterhin. Und sonst haben sie ja jetzt Notfallfackeln.

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Autor

Antonio Fumagalli

Antonio Fumagalli

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