In jedem Ratgeber wird davon abgeraten, als Eltern Ironie oder Sarkasmus einzusetzen, wenn es um Erziehung geht. Es entbehrt ja eigentlich auch jeglicher Logik: Bis sagen wir mal 14 hat kaum ein Kind eine Ahnung, was Ironie ist oder weiss geschweige denn damit umzugehen. Bis man Ironie einsetzen kann, muss man ja zuerst mal lernen, was wirklich ist – um sich dann darüber lustig zu machen. Und je komplexer die Welt, umso länger dauert es, um überhaupt erst mal zu erfassen, wie alles funktioniert. Ergo ziemlich sinnlos, als Eltern Sarkasmus anzuwenden. Zumal es auch viele Erwachsene gibt, die das nicht verstehen.

Leider kann ich mir nicht helfen, immer wieder kommen äusserst sarkastische Bemerkungen aus meinem Mund. Ich befürchte fast, es ist so etwas wie Galgenhumor. Ein Beispiel: Die Familie sitzt beim Essen. Das kleine Töchterchen patscht mit seinen Händchen im Teller herum. Stiefsohn Ben: «Warum darf sie mit den Händen essen und ich nicht?» Mami: «Weil sie noch klein ist und du in die fünfte Klasse gehst.» Ich: «Von mir aus darfst du auch mit den Händen essen. Danach machst du Bäuerchen, ich zieh dir eine Windel an und singe dich in den Schlaf, okay?»

Oder, andere Situation: Ben beschwert sich lautstark darüber, dass er sich entscheiden muss zwischen Rausgehen oder iPod-Zeit. Ich: «Jöckers, du armer Tropf. Schau, da ist das Telefon, ruf doch bei Amnesty International an. Sag denen, du hättest die schlimmsten Eltern der Welt, und sie würden dich ständig malträtieren.»

Ich glaube, ihr seht, was ich meine. Ich glaube auch, eure Gedanken in diesem Moment lesen zu können: «Aso näi, so gemein, dieser Bub ist echt nicht zu beneiden.» Vielleicht habt ihr recht. So richtig pädagogisch wertvoll scheinen diese Bemerkungen nicht. Andererseits lockern sie die Situation auf, nehmen ihr etwas von der Schwere. Indem ich das, was Ben so tragisch findet, ins Lächerliche ziehe, bringe ich ihn ja auch dazu, kurz zu reflektieren und zu analysieren: «Ist es wirklich so schlimm?» Ich zeige ihm auf humoristische Art seinen Denkfehler, seine Inkonsequenz oder seine Kurzsichtigkeit auf. Häufig klappts dann auch: Ben kichert kurz, weil er sich selbst in Windeln vorstellt. Und dann ist die Sache schnell vergessen.

Und wenn es ihm nicht hilft, dann wenigstens mir. Ironie ist pure Katharsis: Ich habe das Gefühl, eine schreiende Ungerechtigkeit aus der Welt geräumt zu haben. Es ist wohl eine Frage des Masses: Ironisiere ich zu oft, hat der Junge das Gefühl, ich verballhorne alles, was er sagt. Und das kann auf Dauer nicht gut kommen. Er fängt ja jetzt schon an, zurückzuschiessen. Und das nicht mal schlecht.

«wir eltern»