Letzte Woche habe ich euphorisch darüber berichtet, wie ich das Wasserfest in Myanmar erlebt habe. Es ging um freundliche, feuchtfröhlich feiernde Menschen, eine Street-Parade auf Myanmar-Art. Daraufhin empörte sich ein Leser: «Warum steht da kein Wort über die Rohingya? Weisst du es nicht, oder ist es dir egal?»

Weder noch. Ich weiss, dass die Rohingya eine muslimische Minderheit in Myanmar sind, die seit Jahrzehnten verfolgt und unterdrückt werden. Und es ist mir nicht egal, dass sie schon seit vielen Generationen in Myanmar leben und trotzdem als illegale Einwanderer gelten, denen die Staatsbürgerschaft und grundlegende Rechte verweigert werden.

Doch der Punkt ist: Ich habe lediglich darüber gelesen. Auf unserer bisherigen Autostopp-Reise durch Myanmar haben mein Kumpel Tschügge und ich vom Schicksal der Rohingya nichts mitbekommen – obwohl wir letzte Woche an der Westküste unterwegs waren, also genau dort, wo die meisten Rohingya leben. Auch dass in Myanmar die Militärregierung, die das Land seit 1962 mit eiserner Hand regierte, einen Teil ihrer Macht abgegeben hat, ist eine aufsehenerregende Entwicklung. Doch vom Triumph der Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi und ihrer Partei, der in der westlichen Presse gefeiert wurde, haben wir hier ebenfalls nichts bemerkt.

Der Grund liegt auf der Hand: Die meisten Menschen führen ihr ganz normales Leben – egal, was passiert. Bauern beackern Felder. Händler verkaufen Waren. Lehrer unterrichten Schüler. Taxifahrer transportieren Leute. Sie müssen Geld verdienen, unabhängig davon, ob in einigen Teilen des Landes Jagd gemacht wird auf religiöse Minderheiten oder ob in der Hauptstadt politisches Tauwetter herrscht.

Als Tourist bekommt man deshalb von scheinbar grossen, einschneidenden Veränderungen in einem Land in der Regel nichts mit. Man kann das auch auf die Schweiz münzen: Ob die Masseneinwanderungsinitiative nun angenommen oder die Durchsetzungsinitiave abgelehnt wird – die Chinesen knipsen auf dem Jungfraujoch so oder so unbeschwert ihre Fotos. Selbst wenn sie per Autostopp durch die Schweiz reisen würden, würden sie von der politischen Spaltung des Landes wahrscheinlich nichts mitbekommen.

Die Medien berichten meist nur über politische Veränderungen, die Verfolgung von Minderheiten, Flüchtlingswellen, Umweltkatastrophen und Terroranschläge. Solche Ereignisse dominieren die internationalen Schlagzeilen und prägen das Bild eines Landes in
der Welt – obwohl meist nur eine bestimmte Region sowie ein kleiner Teil der Bevölkerung betroffen sind.

Diese Diskrepanz zwischen medialer Wahrnehmung und Wirklichkeit ist mir auf meiner Reise schon in vielen Ländern aufgefallen: Die ganze Welt berichtet über den Krieg in der Ostukraine – als Reisender erlebe ich aber nicht Krieg, sondern volle Bars in Kiew, Lwiw und Odessa, in denen die Menschen feiern. In Mazedonien bekomme ich vom Flüchtlingschaos an den Grenzen nichts mit – erinnere mich aber lebhaft an einen Geschäftsmann in der Hauptstadt Skopje, der von seinen Deals mit den Chinesen schwärmt. In der Osttürkei erfahre ich am Abend am TV, dass der Konflikt zwischen der Armee und der PKK eskaliert ist – am Tag der Gefechte habe ich in der Nachbarstadt aber trotzdem mit Einheimischen gemütlich Tee getrunken. Die Welt verfolgt gebannt, wie sich die Mullahs in Teheran mit dem Westen über das Atomprogramm streiten – die jungen Iraner in der Wüste interessiert ihre Party mit Alkohol und Marihuana aber trotzdem mehr.

Die Liste liesse sich beliebig verlängern. Ich will damit nicht sagen, dass es falsch ist, über Grossereignisse zu berichten. Nein, solche Entwicklungen sind relevant und es ist die Aufgabe der Medien, diese Dinge zu thematisieren. Doch um ein korrektes Bild von einem Land zu bekommen, sollten wir uns bewusst sein, dass die Schlagzeilen immer nur einen Teil der Wahrheit abbilden – und dass in Myanmar nicht nur die muslimischen Rohingya verfolgt werden und ein Kampf um die Macht im Gange ist, sondern dass auch gelacht, getrunken und getanzt wird, wenn das Wasserfest auf dem Programm steht.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

Per Autostopp um die Welt: Woche 47 - Die Route