Hochkultur am Amazonas

Nicht alles war Wahn in der grünen Hölle

Der Irre mit dem ramponierten Helm: Was hatte Aguirre (hier verkörpert von Klaus Kinski in Werner Herzogs Film) im Regenwald wirklich gesehen? Walter Herzog Film

Der Irre mit dem ramponierten Helm: Was hatte Aguirre (hier verkörpert von Klaus Kinski in Werner Herzogs Film) im Regenwald wirklich gesehen? Walter Herzog Film

Im Amazonasbecken leben Indianer mit Pfeil und Bogen – glauben wir. Die spanischen Entdecker aber hatten von Städten berichtet, von befestigten Strassen mit Hunderttausenden von Menschen ... Neue Funde deuten auf die Existenz von Hochkulturen hin.

Am Ende verschluckte der Regenwald alle: Goldräuber, Abenteurer, Haudegen und Missionare. Zu tief hatten sie sich hineingewagt, um Unglaubliches zu erblicken. Zum Teil konnten sie das noch niederschreiben. Es wirkte so verrückt, dass andere das Gefasel nicht ernst nahmen. Tatsache war: Die Leute blieben verschollen. Und von dem, was sie angeblich gefunden hatten – Städte voller Schokolade, goldene Tempel, nackte Kriegerinnen –, gab es weder Beweise noch Spuren … bis heute.

Grob setzt sich unser kulturhistorisches Bild von Lateinamerika so zu-sammen: Auf der Pazifikseite, bis zur unüberwindlichen Kette der Anden, beherrschten präkolumbianische Hochkulturen die Region: Maya, Azteken, Inka usw. Im undurchdringlichen Tiefland jenseits der Anden, bis zum Atlantik, war «nichts». Ein paar Indianer: Farbstreifen im Gesicht, Pfeil und Bogen in der Hand, Rundhütten, worin alle unter demselben Blätterdach hausten. Solche Leute waren in Brasilien neulich wieder entdeckt worden. Indigene, die angeblich noch nie mit der Zivilisation Kontakt gehabt hatten; das Video der Begegnung war auf zahlreichen Online-Kanälen zu sehen.

Die Diplomatentochter lächelt

Über diese Sichtweise kann Catherine Lara nur lächeln. Darüber zu lachen, verbietet ihre Erziehung. Die Diplomatentochter und Archäologin aus Ecuador, Doktorandin in Paris und kurzzeitig in der Schweiz auf Besuch, weiss natürlich, wie stark das grobe kulturhistorische Bild ihres Kontinents in den Köpfen verankert ist, nicht zuletzt auf dem Subkontinent selber. Anderseits wundert sie sich schon ein wenig, dass seit einiger Zeit bekannte Entdeckungen, die ein ganz anderes Bild zeichnen, nicht ins breite Bewusstsein dringen. Dass Begriffe wie «Terra Preta», «Mayo-Chinchipe» oder «Palanda» noch nicht bekannter sind.

Die Ausgrabungsstätte, worüber Catherine Lara doktoriert, befindet sich im Tal des Flusses Cuyes in einer Schnittregion des Regenwaldes von Peru und Ecuador, am Rand des Amazonasbeckens. Ausgegraben wurden monumentale Steinstrukturen aus der Zeit von 1200 bis 1600 n. Chr., Bauten wohl defensiven Zweckes. Noch seien die Fachleute unschlüssig, ob es sich um eine Kultur mit Ursprung in den Anden handle, um eine amazonische Siedlung oder um eine Mischung von beidem.

Viel interessanter in Bezug auf die Frage nach Hochkulturen im Amazo-nasbecken sei die Stätte von Palanda. Hier legte man Siedlungsstrukturen aus der Zeit von 3000 v. Chr. frei: einen Platz, Häuserfundamente, Kunstkeramik, eine Nekropolis. Zeugnisse einer «sehr verfeinerten Kultur», sagt die junge Archäologin, «die erste in der Welt, die Kakao nutzte und anbaute».

Weiter bemerkenswert: Die Leute dort hatten Kontakt über weite Distanzen mit Siedlungen am Amazonas, bis runter zur atlantischen Küste. Über ih-ren Ursprung gebe es verschiedene Theorien: Sind es Abkömmlinge von Bergvölkern, die sich abgespalten hatten? Eine Art Regenwald-Filiale der Inkas, die dort Gold vermuteten, wie die Spanier nach ihnen? Daran zweifelt Lara. Die Inkas, sagt sie, hätten den Dschungel gefürchtet nach schlechten Erfahrungen auf Vorstössen ins Innere, wiederum ähnlich wie Gonzalo Pizarro (Expeditionsleiter nach Amazonien), Orellana (der Entdecker des Amazonas) und Aguirre.

Catherine Lara glaubt nicht, dass sich die Kultur der Mayo-Chinchipe in Palanda vergleichen lässt mit den Inkas in den Anden, schon zeitlich nicht (3000 v. Chr. gegenüber 1200 n. Chr). Mayo-Chinchipe sei eine Zivilisation in einer Gegend, wo man keinesfalls vermutet hätte, dass eine solche dort möglich sei. Man spreche viel vom beeindruckenden Imperium der Inkas. Dieses habe aber kurz existiert (rund 100 Jahre), im Vergleich zu den rund 10 000 Jahren der vor-inkaischen Kulturen. Den archäologischen Kollegen und ihr gehe es heute genau darum: die Vielfalt und den Reichtum der noch weitgehend rätselhaften, vor-inkaischen Geschichte aufzuzeigen.

Schweizer Schatzsucher getötet

Was auf diesem Weg alles noch ausgegraben werden könnte, nährt die Spekulation und Fantasie. Weckt das Fieber neuer Abenteurer, die dann abermals vom Wald verschluckt werden. Zum Beispiel Herbert Wanner, ein Schweizer Förster und Schatzsucher: Nur sein Schädel wurde 1983 gefunden, mit einem Einschussloch. Man ist sich jedenfalls nicht mehr so sicher, ob das damals nur Spintisiererei gewesen war, was die verrückten Spanier vom Amazonas berichteten: Ganze Städte wollen sie gesehen haben, Gold und Glanz, Hunderttausende von Menschen ...

Wohin sollten sie alle verschwunden sein? Hatte der Regenwald auch sie verschluckt? Vielleicht gibt es eine prosaische Erklärung: Die Spanier schleppten nicht nur Rüstungen mit in die grüne Hölle und allerlei sonstigen Krempel, sondern auch Viren. Die Menschen der «neuen Welt» waren perfekt an die Natur angepasst – aber nicht immun gegen die Keime der «alten».

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