Oh! Mein! Gott! Was für verrückte Tage! In Myanmar wird Neujahr gefeiert. Und um die Sünden des vergangenen Jahres wegzuspülen, spritzen sich die Einheimischen drei Tage lang auf jede erdenkliche Weise mit Wasser ab.

Alle paar hundert Meter stehen kleinere oder grössere Menschengrüppchen, die mit Eimern, Wasserpistolen oder Schläuchen bewaffnet darauf warten, Autos, Motorrädern und Fussgängern eine kalte Dusche zu verpassen.

Street Parade auf Myanmar-Art - und mittendrin zwei bleichgesichtige Schweizer

Street Parade auf Myanmar-Art - und mittendrin zwei bleichgesichtige Schweizer



Mein Kumpel Tschügge und ich sind ein besonders beliebtes Ziel. Wir scheinen in der 300'000-Einwohner-Stadt Magway derzeit die einzigen Ausländer zu sein – und fallen dementsprechend auf.

Bei unseren Spaziergängen durch die Stadt kommen wir jeweils nicht weit: Mal rennen Kinder auf uns zu, um uns Wasser über den Kopf zu leeren. Mal bittet uns eine Gruppe Jugendlicher um ein Selfie. Mal werden wir auf eine Runde Whiskey, Bier und Betelnuss (ekelhaft!) eingeladen.

Dann packt uns einer an den Armen, um uns auf eine Bühne zu schleppen, auf der uns je zwei Schläuche in die Hand gedrückt werden, mit denen wir für einmal die anderen abspritzen können.

Einige geniessen die kalte Dusche sichtlich – kein Wunder, bei Temperaturen um die 40 Grad.

Die Musik dröhnt so laut aus den Boxen, dass die ganze Bühne vibriert. Auf der Strasse tanzen die Einheimischen zu den Techno-Beats, barfuss und patschnass.

Von Zeit zu Zeit fahren Lieferwagen vorbei mit weiterem Partyvolk auf den Ladeflächen. Street Parade auf Myanmar-Art!



Irgendwann sitzen wir bei einem unserer Bekanntschaften auf dem Motorrad. Wir haben keine Ahnung, wo es hingehen soll, erwarten aber einen weiteren Party-Hotspot.

Doch es kommt anders. Unser Fahrer hält vor einer Feuerwehr-Station, seinem Arbeitsplatz. Dort geht die Feier mit ein paar seiner Kumpels – und zusätzlichem Whiskey – weiter.

Richtig kommunizieren können wir nicht, doch wir unterhalten uns auch ohne Worte bestens.

Erst holt einer die Gitarre hervor, um ein Lied anzustimmen, das alle auswendig mitsingen können.

Auf der Feuerwehr-Station: Alle singen mit

Auf der Feuerwehr-Station: Alle singen mit

Dann kommt einer mit Feuerwehr-Kleidern hervor, um uns einzukleiden. Ständig wird angestossen und gelacht. Eine riesen Gaudi – bis der Alkohol sein unschönes Gesicht zeigt:

Zwei junge Männer geraten aus irgendeinem Grund aneinander und alle stürmen herbei. Einige um zu schlichten, andere um ebenfalls dreinzuschlagen.

Wir versuchen die Gemüter zu beruhigen, doch das gelingt uns nur bedingt.

Auch nach der Prügelei wird noch heftig diskutiert, alle sind gereizt. Die Musik ist aus, die Stimmung im Eimer. Es ist Zeit für uns zu gehen.

Zurück auf der Strasse hält das Stimmungstief nicht lange an. Eine Gruppe auf einem Partywagen winkt uns herbei, wir sollen zu ihnen auf die Ladefläche kommen. Sie drücken uns ein Bier in die Hand und los geht die Fahrt.

Überall, wo wir auftauchen, winken uns die Leute zu. Tschügge und ich schauen uns immer wieder ungläubig an. Geschieht das alles gerade wirklich?!

Wir fühlen uns wie Party-Päpste und kriegen kaum ein anständiges Wort raus, weil wir nicht aufhören können zu lachen – oder weil uns gerade wieder jemand eine Ladung Wasser ins Gesicht klatscht.

Wenn das mit dem Sünden wegspülen wirklich funktioniert, hätten wir im vergangenen Jahr ein paar zusätzliche Dummheiten machen können.

Mehr noch: Gemessen an der Zahl kalter Duschen müssten wir jetzt Heilige sein – das neue Jahr kann kommen!

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

Per Autostopp um die Welt: Woche 46 – Die Route