Der grosse Tag ist endlich da: Der 8. November 2016. Mich beschäftigen an diesem besonderen Dienstag aber nicht Donald und Hillary, sondern Lea: Denn ab heute bin ich kein Alleinreisender mehr. Ab heute wird immer meine Freundin neben mir am Strassenrand stehen – bis wir in ein paar Monaten wieder in der Schweiz sind.

Die Zeiten als Alleinreisender sind endgültig vorbei_Mit meiner Freundin Lea (m.) und ihrer Freundin Patrizia (r.) in San Francisco am Strassenrand

Die Zeiten als Alleinreisender sind endgültig vorbei_Mit meiner Freundin Lea (m.) und ihrer Freundin Patrizia (r.) in San Francisco am Strassenrand

In den ersten zwei Wochen mit Lea wird zudem ihre Freundin Patrizia mit uns durch die Gegend trampen. Ich bin etwas nervös, weil es zu dritt schwieriger ist als alleine. Zudem ist die Autobahneinfahrt am Stadtrand von San Francisco kein optimaler Ort zum Stöppeln. Ich befürchte deshalb, dass wir lange auf eine Mitfahrgelegenheit warten müssen – und die Autostopp-Euphorie schnell verfliegt.

Nach 40 Minuten kann ich aufatmen: José und Felicia machen in ihrem Auto Platz für uns und unsere drei grossen Rucksäcke. Das mexikanische Pärchen bringt uns direkt nach Los Gatos, ein 30 000-Einwohner-Städtchen im Silicon Valley, in dem Leas Tante Barbara und ihr kalifornischer Mann Mike leben.

José und Felicia lassen mich aufatmen_Das mexikanische Pärchen fährt uns nach Los Gatos im Silicon Valley

José und Felicia lassen mich aufatmen_Das mexikanische Pärchen fährt uns nach Los Gatos im Silicon Valley

Auf dem Weg zu Barbara und Mike kommen wir an einer Tafel vorbei, auf der steht: «Vote here». Bemerkenswert an dieser Wahl-Aufforderung ist nicht nur, dass sie vor einer Kirche steht. Noch spezieller finde ich, dass auch auf Spanisch, Vietnamesisch, Tagalog (Sprache der Philippinen) und Chinesisch darauf hingewiesen wird, dass man hier das neue US-Staatsoberhaupt wählen kann.

Während des Willkommensapéros bei Barbara und Mike läuft im Wohnzimmer der Fernseher. Auf CNN werden die Wahlergebnisse irgendeines kleinen Bezirks im Osten der USA analysiert. «Kein Mensch kennt diesen Ort. Und dieser Typ redet so schnell, dass ich ihn kaum verstehe», sagt Mike. Er nimmt die Fernbedienung und wechselt auf einen Sender, der einen Bach im Grünen zeigt: «Ah, das ist viel besser. Dieser Kanal ist komplett Wahl-frei.»

Wenig später landen wir doch wieder auf CNN. «Es sieht so aus, als sei es enger als erwartet», sage ich zu Lea. «Ach, die machen es doch nur absichtlich spannend», erwidert sie. Nachdem ein paar weitere Resultate eintreffen, frage ich Mike: «Trump hat wirklich eine Chance, sehe ich das richtig?» «Ich bin nicht sicher», antwortet er leise.

Als Florida an Trump geht, wird uns klar, dass sich tatsächlich eine Überraschung anbahnt. Mike geht ins Bett. Patrizia spürt den Jetlag und kann nicht länger wach bleiben. Lea, Barbara und ich harren vor dem Bildschirm aus, bis definitiv feststeht: Der neue US-Präsident heisst Donald Trump.

Wir sind geschockt, können es kaum glauben und diskutieren darüber, wie es soweit kommen konnte. Ich rede von den Protestwählern, von den Verlierern der Globalisierung, die sich vom Establishment, von «denen dort oben», vergessen fühlen - und ihnen eins auswischen wollen. Ich spreche über die Nähe von Hillary zur Wall Street, dass sie sich für eine interventionistisch US-Aussenpolitik einsetzt, die ich sehr kritisch sehe - und dass Trump diesbezüglich vielleicht sogar eine Chance sei.

Das ist zu viel für Lea. Gereizt fragt sie mich: «Willst du etwa sagen, dass du es gut findest, dass Trump der neue Präsident ist?» Erst als ich verneine und sage, dass ich auch keine Freude habe an seiner Wahl, beruhigen sich die Gemüter und wir gehen ins Bett.

Diese Route legte Thomas Schlittler in seiner 76. Woche zurück.

Am nächsten Morgen lese ich als erstes die Nachricht von einer Freundin aus der Schweiz: «Was um Himmels Willen passiert da gerade um euch herum? Das sind nicht die News, die wir beim Aufwachen hören wollten. Macht mir ein bisschen Angst!» Ich liege zwei Stunden lang im Bett, kämpfe mich durch die unzähligen, ähnlich lautenden Facebook-Posts von den Leuten zu Hause sowie die Kommentare der grossen Medienportale. Danach bin ich erschöpft und fürchte mich davor, unter der Decke hervorzukriechen. Schliesslich befinde ich mich genau in diesem Amerika, über das ich gerade so viele apokalyptische Worte gelesen habe.

Am Frühstückstisch stelle ich erleichtert fest: Die USA sind nicht untergegangen. Lea und Patrizia waren mit Barbara bereits im Zumba Fitness. Dort trafen sie auf ganz viele fitte Frauen, die voller Energie in den Tag starteten. Die Wahl Trumps war nur am Rande ein Thema. Keine hysterischen Ausfälle, keine Tränen – obwohl Kalifornien eine Demokraten-Hochburg ist.

Auch Mike sieht gelassen aus. Als ich ihn auf den neuen Präsidenten anspreche, meint er: «Ich bin kein politischer Mensch, aber ich bin sicher: We will be fine.» Dann macht er sich auf den Weg, um mit seiner Mutter seine Tochter am College in Sacramento zu besuchen. Barbara zeigt uns noch das Zentrum von Los Gatos, dann muss auch sie weiter – zur Arbeit ins Spital.

Das Leben von Barbara (m.) und Mike geht ganz normal weiter - auch mit Trump als künftigem Präsidenten

Das Leben von Barbara (m.) und Mike geht ganz normal weiter - auch mit Trump als künftigem Präsidenten

Es ist irgendwie surreal: Dort der Tsunami in den (sozialen) Medien, hier der ganz normale Alltag einer amerikanischen Familie. Keine Spur von Demonstrationen oder Weltuntergangsstimmung. Überraschend ist das nicht. Ob Flüchtlingskrise auf dem Balkan, Kurdenkonflikt in der Türkei oder Krieg in der Ostukraine: Ich war in diesen Regionen, als die ganze Welt über diese Brennpunkte berichtete. Im Land selbst habe ich jedoch von alldem so gut wie nichts mitbekommen.

In den USA ist es nicht anders: Die meisten Menschen leben ihr ganz normales Leben – egal, wer Präsident ist. Und auch ich werde den 8. November 2016 als denjenigen Tag in Erinnerung behalten, an dem ich mit meiner Freundin zur letzten Etappe meiner Autostopp-Reise aufbrach. Das lasse ich mir von einem Trump nicht nehmen.