Das Herz, verehrte Leserschaft, gilt seit Alters her als Sitz des Muts, der Tapferkeit und anderer edler Eigenschaften. Bereits in prähistorischer Zeit sollen steinzeitliche Jäger ihrer Beute nach dem erfolgreichen Abschuss als erstes das Herz entnommen und es roh verzehrt haben. Dies in der Hoffnung, die Schnelligkeit und Kraft, bei gewissen Raubtieren oder vielleicht Feinden auch der Kampfgeist, möge auf sie übergehen. Ob sich diese feine Tradition erhalten hat, ist uns unbekannt. Der Verdacht liegt aber nahe, ist es doch nahezu unmöglich, ein Reh- oder Hirschherz zu erwerben, wohl weil das Jagdpersonal dieses als grosse Delikatesse geltende Organ selbst vertilgt, sei es roh oder – wahrscheinlicher – gebraten.

Bei modernerer Betrachtungsweise hält der Herzverzehr wohl nicht ganz, was er ursprünglich versprach. Die Erkenntnis, dass Mut und Tapferkeit eher dem Hirn entspringen, hat sich weitestgehend durchgesetzt. Und dass wir uns durch Verzehr eines Organs die Eigenschaften des ehemaligen Eigentümers einzuverleiben vermöchten, daran wollen wir heute nicht mehr so recht glauben. Vielleicht auch besser so. Nicht, weil die Verfügbarkeit von Helden- und Raubtierherzen genauso beschränkt ist wie diejenige von Nobelpreisträgergehirnen. Sondern, weil das mythisch überladene Herz nüchtern betrachtet eine muskulöse Pumpe ist. Und wer, verehrte Leserschaft, trachtet schon danach, einer Pumpe ähnlich zu werden? Eben.

Problemlos verfügbar, wenn auch nur auf Vorbestellung, sind Rinder- und Kalbsherzen. Diese galten bis vor Kurzem als wenig erstrebenswert und waren eher der Kategorie Tierfutter zugedacht. Inzwischen muss ein echter Hipster entweder vegan leben oder mindestens einmal im Leben ein Herz verspiesen haben. Dem letzteren Trend wollten wir uns nicht entziehen und haben beim Metzger unseres Vertrauens einmal Kalbs- und einmal Rinderherz bestellt.

Bemerkenswerterweise liess sich niemand finden, der sich für die Teilnahme an unserer Degustation erwärmen wollte. Womöglich müsste man sich vor dem Verzehr eines Herzens erst den Mut verschaffen, den die Krieger des Altertums durch dessen Einverleibung zu erlangen gedachten? Wir haben dieses gordische Dilemma mit reichlich Wein zerschlagen, was zwar der Präzision der Analyse abträglich war, den kulinarischen Mut aber hinreichend gefestigt hat. Im Ergebnis können wir berichten, dass man Kalbsherz – entgegen zahlreicher Behauptungen in Rezeptbüchern und auf dem Web – besser nicht schmoren soll. Es ergibt zwar eine delikate Sauce mit leicht animalischer Note, wird aber ledrig und trocken in der Konsistenz. Das Rinderherz haben wir in Würfel geschnitten und kurz und sehr scharf angebraten zu einem herzhaften, leicht süsslichen Gyros mit viel Zwiebeln und Knoblauch verarbeitet. Diese Rezeptur wäre – beispielsweise durch kurzes Rösten der Fleischstücke am Spiess auf einem sehr heissen Holzkohlegrill – wohl noch zu verbessern, aber ehrlicherweise wenden wir uns nach diesem Versuch lieber wieder anderen Schweinereien zu.