Per Autostopp um die Welt

Mit Turnschuhen an iranischer Hochzeit – so will ich nie heiraten...

In der 19. Woche legt Ex-Wirtschaftsredaktor und Weltreisender Thomas Schlittler eine Pause in Teheran ein. Er erzählt, wie er eine iranische Hochzeit erlebt.

Ich bin unsicher, wie ich reagieren soll, als mich Mo (Kurzform von Mohammad) fragt, ob ich ihn und seinen Vater an eine Hochzeit begleiten will. Am liebsten würde ich sofort nach „Krawattenknopf“ googeln, mich in Schale werfen und losfahren. Doch ich weiss nicht, ob die Einladung ernst gemeint ist, oder ob mich Mo bloss gefragt hat, weil es Taarof, die iranische Form der Höflichkeit, so verlangt.

Ich lehne deshalb zuerst ab und sage, dass ich mich an einer Hochzeit von zwei Wildfremden unwohl fühlen würde. Doch Mo bleibt hartnäckig und wiederholt sein Angebot mehrere Male. Schliesslich willige ich ein. Vielleicht handelt es sich noch immer um Taarof, aber sollte dem so sein, ist es Mos Schuld. Schliesslich sollte ihm mittlerweile klar sein, dass ich die Taarof-Spielchen nicht wirklich durchblicke. Erstens war ich vor einem Jahr schon einmal sein Gast, als ich im Iran in den Ferien war. Und zweitens hat der 32-jährige Iraner in Deutschland studiert und weiss deshalb, dass es Taarof in der westlichen Kultur nicht gibt.



Meine Vorfreude auf die Hochzeit ist riesig, erhält jedoch einen Dämpfer, als ich in meinen Reiserucksack blicke: Weder die Kapuzenpullis, die löchrigen Jeans noch die abgelatschten Turnschuhe sind hochzeitstauglich. Mos Vater will mir mit einem seiner Anzüge aushelfen, doch damit könnte ich höchstens als Charlie Chaplin an die Fasnacht. Ich kaufe mir deshalb ein neues Paar Jeans und nehme mit einem alten Hemd von Mo vorlieb. Als Schuhwerk müssen die Sneaker genügen, die ich seit vier Monaten ununterbrochen an den Füssen trage.

Als wir um 19 Uhr aufbrechen, habe ich gemischte Gefühle. Einerseits freue ich mich auf den exklusiven Einblick in die iranische Kultur. Andererseits fürchte ich die Blicke der anderen Gäste, die ich aufgrund der unpassenden Kleidung auf mich ziehen werde. Auch vor der Begegnung mit dem Brautpaar graut mir: Was ist, wenn sie mein schludriges Outfit als Mangel an Respekt oder gar als Beleidigung empfinden?

Als ich den Hochzeitssaal betrete, fällt mir ein Stein vom Herzen. Alle meine Befürchtungen waren umsonst. Ich hätte auch splitterfasernackt erscheinen können, in dieser Menschenmasse wäre es kaum jemandem aufgefallen. Sicher tausend Männer und ein paar Kinder sitzen eng zusammengdrückt um unzählige kleine runde Tische. Frauen sind keine zu sehen. Das schöne Geschlecht feiert in einem separaten Raum, so will es das iranische Gesetz. ((Irgendwo am anderen Ende der riesigen Halle krächzt ein mässig begabter Sänger in ein Mikrofon. Die Musikboxen sind regelmässig überfordert mit seinem Geträller, der Ton überschlägt sich.


Der Bruder des Bräutigams, ein Freund von Mos Vater, kämpft sich zwischen den Stühlen hindurch, um uns zu begrüssen. Er freut sich riesig über den unerwarteten Gast aus der Schweiz, umarmt mich herzlich, gibt mir drei Küsschen auf die Wange, und weist uns dann einen der wenigen freien Plätze zu. Namensschilder sucht man auf den Tischen vergeblich.

Ich beobachte unsere Sitznachbarn. Die sechs Herren mittleren Alters blicken mit hochgereckten Köpfen im Saal umher. „Auf was warten alle?“, frage ich Mo. „Auf das Essen“, antwortet er mit einem vielsagenden Grinsen.

Und tatsächlich: Plötzlich wird ein Rollwagen nach dem anderen in die Halle geschoben, auf jedem stehen ein Dutzend Teller mit Reis und einem riesigen Stück Rindfleisch. Weil es zu wenig Bedienungspersonal hat, packen einige Gäste mit an. Jetzt ist das Chaos perfekt: Will der eine mit dem Rollwagen nach rechts, schreit ein anderer über mehrere Tische hinweg, man müsse zuerst in die andere Richtung. Die Teller werden im Eilzugstempo hektisch auf die durchsichtigen Plastiktischdecken geknallt, Besteck, Pappbecher und ein paar Petflaschen Cola hinterhergeworfen. Das Hochzeitsbankett gleicht einer Raubtierfütterung, jeder Besuch bei McDonalds hat mehr Glamour.

Als die meisten Gäste mit ihrem Teller beschäftigt sind, nimmt der Lautpegel ab. „Ist dieser Typ da der Bräutigam?“, will ich von Mo wissen, und zeige auf einen Mann in einem weissen Anzug. „Keine Ahnung“, antwortet er schulterzuckend. Weder er noch sein Vater kennen den Mann, der die tausend Mäuler stopft. Einige Minuten später bin ich mir ziemlich sicher, dass es den meisten anderen Gästen genauso geht: Denn kaum sind die Teller leer, brechen sie sofort auf und verlassen den Saal – allerdings nicht, ohne das übrig gebliebene Essen in Kartons mitzunehmen.

Auch wir sind nach weniger als zwei Stunden schon wieder auf dem Heimweg. Ich muss schmunzeln, als ich daran denke, dass ich mir wegen meiner abgelatschten Turnschuhe einen solchen Kopf gemacht habe. Doch nicht nur ich muss das Erlebte verarbeiten. Mo: „Mein Vater hat gerade gesagt, dass er so eine Hochzeit noch nie erlebt habe.“ Ich kann also leider nicht behaupten, dass ich an einer klassischen iranischen Hochzeit war. Aber zumindest weiss ich jetzt, wie meine Hochzeit mit Sicherheit nicht aussehen soll.

*Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

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