«Drei Monate waren wir mit unserem Forschungsschiff unterwegs und haben die Antarktis im Uhrzeigersinn umrundet. Es war die erste Expedition des noch jungen Schweizer Polarforschungsinstitutes. Mit dem russischen Eisbrecher Akademik Tryoshnikov ging es von Kapstadt in Südafrika über Hobart in Australien und Punta Arenas in Chile wieder zurück nach Kapstadt. Wir haben die stürmischsten Windgürtel der Erde durchfahren, rund um die Antarktis zehn Inseln im Südpolarmeer besucht und den antarktischen Kontinent betreten.

An Bord wurden 22 wissenschaftliche Projekte durchgeführt, zu denen Hunderte von Forschenden aus über 30 Ländern beigetragen haben. Unsere Projektthemen reichten von genetischer Artenvielfalt über Wale und Mikroplastik bis hin zum Klimawandel.

James Cook war der Erste

Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass wissenschaftliche Umrundungen der Antarktis nie alltäglich geworden sind. Der Engländer James Cook war der Erste, dem in einer mehrjährigen Expedition von 1772 bis 1774 solch eine Navigation gelang. Ihm folgte der Russe Thaddeus Bellinghausen, der die Antarktis von 1819 bis 1820 umrundete. Im 20. Jahrhundert gab es einige wenige britische, norwegische und sowjetische Umfahrungen. Unsere Schweizer Forschungsreise stellt sich damit in eine Reihe aussergewöhnlicher Expeditionen und ist doch anders: Wir haben fachübergreifend miteinander gearbeitet und voneinander gelernt, unsere Teams waren international zusammengestellt. Ausserdem haben wir zu Forschungszwecken die Inseln rund um die Antarktis angefahren – noch nie zuvor wurden diese so wie von uns in Serie besucht.

Für mich war es eine einmalige Erfahrung: das Geräusch des ersten brechenden Packeises unter dem Bug unseres Schiffs werde ich so bald nicht vergessen, ebenso wenig die Feldarbeiten inmitten von 200'000 Königspinguinen auf Südgeorgien. Wir haben das Polarlicht der Südhalbkugel, Aurora Australis, gesehen, und auch eine Sonnenfinsternis und einen Riesenmond über dem Vulkan Siple in der Westantarktis. Und immer wieder das Spiel der beständig wechselnden Lichtverhältnisse zwischen den Eisbergen. Wir sind viel, viel mehr Tieren begegnet als Menschen: Wale, Robben, Pinguine und Seevögel waren fast überall zugegen.

Die Luft des Südpols

Gemeinsam mit meinem Team aus Atmosphärenforschern war ich immer auf der Suche nach besonders reiner Luft. In der weit von menschlichen Einflüssen entfernten Antarktis haben wir gehofft, diese zu finden – und wir wurden nicht enttäuscht. Oft zählten unsere Instrumente nur 60 Feinstaubpartikel pro Kubikzentimeter, also in einem Volumen so gross wie ein Spielwürfel. Damit ist die Luft hier sauberer als in sogenannten Reinräumen – Forschungslaboren, deren Luft mit technischen Mitteln extrem rein gehalten wird. In Europa dagegen enthält die Luft pro Kubikzentimeter oft mehrere zehntausend Partikel.

Doch einst war auch in Europa die Luft so sauber wie am Südpol: Was wir auf unserer Expedition gemessen haben, entspricht der vorindustriellen Luft, die noch nicht von Abgasen aus Automotoren, Kohlekraftwerken, Müllverbrennungsanlagen und all den anderen menschlichen Aktivitäten verschmutzt ist. Aus den Messungen unseres Atmosphärenprojekts können wir nun wichtige Informationen gewinnen, die uns helfen, den menschengemachten Klimawandel zu verstehen. Ich bin froh, dass wir diese reine Luft gefunden haben – nicht nur aus wissenschaftlicher Sicht, sondern auch, weil die Luft uns gezeigt hat, dass es doch manche Regionen auf dieser Erde gibt, die noch nicht ganz vom Menschen geprägt sind.»