Per Autostopp um die Welt (74)

Frustrierte Wähler: „In den USA leben Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump?“

Diese Woche reist Thomas Schlittler auf seiner Autostopp-Weltreise von Olympia (USA) nach Bend (USA). Wenige Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen macht sich der ehemalige az-Redaktor mit dem Thema Trump oder Clinton bei seinen Fahrern keine Freunde.

Am 8. November wählen die Amerikaner ihr neues Staatsoberhaupt. Wenn ich meine Fahrer auf das bevorstehende politische Grossereignis anspreche, mache ich mir jedoch keine Freunde. Die Reaktionen lassen sich ungefähr so zusammenfassen: „Ach, hör mir auf damit, ich kann es nicht mehr hören. Ich bin einfach nur froh, wenn dieser Zirkus endlich vorbei ist!“

Die Politikverdrossenheit im Nordwesten der USA ist unüberhörbar. Das hängt nicht zuletzt mit den Kandidaten der beiden grossen Parteien zusammen. Die Namen Donald Trump und Hillary Clinton lösen hier etwa so viel Euphorie aus wie ein Besuch beim Zahnarzt.

Nur in Alaska hatte ich zwei Fahrer, die sich wirklich für einen der beiden Kandidaten begeistern konnten: Joe schwärmt für Trump, bei Stephanie klebt ein Hillary-Sticker auf dem Auto.

Mehr über ihn erfährt ihr hier.

Joe schwärmt für Donald Trump.

Mehr über ihn erfährt ihr hier.

Stephanie hat einen Hillary-Sticker auf ihrem Auto – und das in der republikanischen Hochburg Alaska. Sie muss also ein echter Clinton-Fan sein.

Stephanie hat einen Hillary-Sticker auf ihrem Auto – und das in der republikanischen Hochburg Alaska. Sie muss also ein echter Clinton-Fan sein.

Alle meine anderen Fahrer, Bar- und Hostelbekanntschaften mögen weder Trump noch Clinton. Für sie ist es die sprichwörtliche Qual der Wahl. Am treffendsten bringt es mein Fahrer John auf den Punkt: „In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump? Das ist doch ein schlechter Witz!“

John ärgert sich über die Kandidaten der beiden grossen Parteien: «In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump?»

John ärgert sich über die Kandidaten der beiden grossen Parteien: «In den USA leben mehr als 320 Millionen Menschen – und wir finden nichts Besseres als Hillary und Trump?»

Dass Trump so unbeliebt ist, dürfte kaum jemanden überraschen, der den Wahlkampf mitverfolgt hat. „Er ist verrückt, den kann man nicht ernst nehmen!“, sind sich die meisten einig, die ich getroffen habe. Allerdings ist Clinton bei zahlreichen Leuten mindestens ebenso unpopulär – selbst hier in den Bundesstaaten Washington und Oregon, die traditionell demokratisch wählen. Clinton ist für viele das Symbol eines immer mächtiger werdenden Staates, für undurchsichtige Hinterzimmerdeals in Washington DC sowie Klientelpolitik.

Ich habe gar mehrere Leute kennengelernt, die gerne Bernie Sanders als nächsten US-Präsidenten gesehen hätten, jetzt aber Trump wählen. Sie springen also von ganz links nach ganz rechts, nur weil sie auf keinen Fall bei Hillary das Kreuzchen setzen wollen.

Dabei macht sich jeder seine eigenen Überlegungen. Charles, den ich im Hostel in Portland treffe, begründet seine Entscheidung so: „Wenn Trump gewählt wird, kann er ohnehin nicht viel machen, weil ihn der Kongress völlig blockieren wird. Hillary dagegen würde wahrscheinlich die nötigen Mehrheiten finden – und ich befürchte, dass sie uns in einen weiteren Krieg führen wird.“

Auch Patrick, der im 130-Seelen-Dörfchen Mitchell ein Hostel führt, hat grosse Sympathien für Sanders, will aber für Trump stimmen. Sein Kalkül: „Ich hoffe, dass die Leute endlich aufwachen, wenn ein so unfähriger Mann wie Trump Präsident wird. Ich hoffe, dass sie auf die Barrikaden gehen und unser krankes Politsystem von Grund auf erneuert wird.“ In anderen Worten: Patrick hofft, dass Trumps Wahl eine Revolution auslöst. „Ich will, dass wir endlich eine Regierung haben, die nicht von Geld und Grosskonzernen gelenkt wird.“ Wenn Hillary Clinton gewinne, werde dagegen alles so weitergehen wie bisher, ist Patrick überzeugt.

Die Tatsache, dass die beiden grossen Parteien so polarisierende, unbeliebte Kandidaten nominiert haben, hat viele auch schmerzhaft daran erinnert, dass sie keine echten Alternativen haben. „Wenn ich meine Stimme einer anderen Partei gebe, dann ist das so, als ob ich gar nicht abstimmen würde“, sagt John. Schliesslich hätten die kleinen Parteien in Washington ja ohnehin nichts zu sagen.

Neben dem Ärger über die Kandidatenauswahl und das System gibt es einen dritten Punkt, über den sich viele beklagen: die Medien. „Ich muss alle Informationen über die Kandidaten selbst zusammentragen, weil die Medien nicht objektiv berichten“, sagt zum Beispiel Ahren, der mich nach Portland fährt. Matt, von Beruf Arzt und ein sehr überlegter Typ, sieht es genauso: „Es fällt mir schwer, mir von den Kandidaten ein richtiges Bild zu machen. Die Medien erzählen nur das, was ihnen ins Konzept passt.“

Ahren hat kein Vertrauen in die US-Medien: «Ich muss alle Informationen über die Kandidaten selbst zusammentragen.»

Ahren hat kein Vertrauen in die US-Medien: «Ich muss alle Informationen über die Kandidaten selbst zusammentragen.»

Matt sieht es genauso: «Die Medien erzählen nur das, was ihnen ins Konzept passt.»

Matt sieht es genauso: «Die Medien erzählen nur das, was ihnen ins Konzept passt.»

Der amerikanische Nordwesten ein paar Tage vor den Präsidentschaftswahlen – wie in fast allen Ländern, die ich bereist habe, treffe ich auch hier auf ganz viele Menschen, die sich von der Elite, „von denen dort oben“, vergessen, verraten, verkauft fühlen. Wenn die Prognosen stimmen, wird Hillary Clinton am 8. November als Gewinnerin aus dem Wahlkampf hervorgehen. Für die meisten meiner Bekanntschaften ist aber jetzt schon klar, wer verloren hat: die amerikanischen Wähler.

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