Der Kaffeemacher

Eine Liebeserklärung an den Filterkaffee

Hat zu Unrecht einen schlechten Ruf: der Filterkaffee.

Hat zu Unrecht einen schlechten Ruf: der Filterkaffee.

Benjamin Hohlmann leitet in Münchenstein die Kaffeeschule Kaffeemacher. Er war Schweizer und deutscher Kaffeemeister, ist Kaffee-Sommelier und betreibt eine Kaffeefarm in Nicaragua, ein Café in Basel sowie eine Rösterei.

Mein liebstes Kaffeegetränk ist der Filterkaffee. Und dann kommt lange erstmal nichts. Ich trinke ihn gemütlich auf dem Sofa, beim Gespräch mit Freunden im Café oder während ein Text wie dieser entsteht. Diese Aufzählung lässt schon auf eines der stärksten Argumente für den Filterkaffee schliessen. Filterkaffee hat Volumen! 150 bis 200 Milliliter trinken sich gut, ohne schwer im Magen zu liegen. Kein anderes Kaffeegetränk ist dafür pur so gut geeignet wie der Filterkaffee. Der Espresso kommt auf Menge nur mit einem ordentlichen Schuss Milch und trumpft dann als Latte Macchiato oder Cappuccino auf. Als Purist und Milchmuffel will ich aber nicht Milch mit wenig Kaffee trinken, sondern das reine Vergnügen. Also kommen für mich Milchmischgetränke nicht wirklich infrage.

Stattdessen bietet sich noch der vielgebrühte Café Crème an. Mit einem Volumen von 110 bis 130 ml ist er durchaus interessant für ein längeres Trinkvergnügen. Leider steht die Häufigkeit der Verfügbarkeit des Café Crèmes in der Gastronomie der gebrühten Qualität fast diametral entgegen. Nur ganz selten erfährt die Zubereitung des Café Crèmes die gleiche Sorgfalt wie der Espresso oder Cappuccino. Oft werden auch viel grössere Getränke-Volumen als 150 Milliliter gebrüht, wodurch der verwendete Mahlkaffee zu stark ausgelaugt wird und überextrahiert. Die Folge ist ein sehr bitteres Getränk, und es bleibt nur der Griff zum Zucker oder Rahm, um die Bitterkeit zu balancieren. Sie merken schon; auch keine Lösung für den Puristen. Stattdessen bleibt der Filterkaffee. Und dazu stehe ich mit Überzeugung. Die wachsende Anzahl Gleichgesinnter spricht im Übrigen für sich, auch wenn dem Filterkaffee noch der Ruf von Grosi’s Kaffee anhaftet.

Volumen ist natürlich nicht das Einzige, was für den Filterkaffee spricht. Es ist aber kein unwichtiger Faktor. Jeder kennt die Situation, in der eine warme Tasse ein wohliger Begleiter ist. Der Filterkaffee ist gut gebrüht ein komplexes und balanciertes Kaffeegetränk. Er ist mit einer Konzentration von nur 1,2 – 1,5 Prozent gelöster Kaffeeteilchen viel schwächer als ein Espresso mit eine Stärke von über 7 Prozent. Durch die geringere Konzentration stehen zum Brühen von Filterkaffees geschmacklich ausgefallenere Kaffees, Röstungen und Herkunftsregionen zur Wahl als beim Espresso. Durch die ständige Weiterentwicklung der Kaffeequalität in den Produktionsländern stehen heute Kaffees mit ausgefallenen Geschmacksprofilen zur Verfügung.

Fruchtige und florale Noten sind dabei keine Seltenheit. In einem hochkonzentrierten Espresso sind viele dieser Noten oft ungeniessbar. Sie weichen einerseits von dem gewohnten und erwarteten Espresso-Geschmack ab und sind in der Konzentration überbordend. Der Filterkaffee hat es hier leichter. Durch die geringere Konzentration ist bei ihm balanciert, was beim Espresso zu stark wirkt. Der Filterkaffee hat seinen schlechten Ruf vor allem ungenauen Filterkaffeemaschinen und der abgestandenen Thermoskanne im Hotel zu verdanken. Versuchen Sie einmal einen handgebrühten Filterkaffee mit frisch gemahlenem Kaffee beispielsweise aus Kenia. Und eine spannende Entdeckungsreise kann beginnen. Filterkaffee eignet sich ganz hervorragend zum Entdecken neuer Kaffee-Provenienzen. Für die Zubereitung ist kein aufwendiges Equipment nötig und die Brühung von Hand ist schnell erlernt.

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