Schlieren

Der tote Schlieremer Wolf war ein Bündner und liegt jetzt tiefgefroren in Bern

Wölfe suchen immer neue Reviere, auch in der Schweiz.

Wölfe suchen immer neue Reviere, auch in der Schweiz.

Eine Genuntersuchung klärt die Herkunft des Wolfs, der mindestens 17 Schafe riss: Er kam aus Graubünden. Mittlerweile ist er tot und liegt in Bern.

Eigentlich war er auf dem richtigen Weg: Der Schlieremer Wolf wanderte durch den schmalsten Teil des Limmattaler Siedlungsgürtels, bis ihn die S-Bahn erfasste. Nun ist klar, woher er kam: aus dem Bündnerland.

Auf dem Weg nach Schlieren riss der 13 Monate alte Wolf am 1. Juni drei Schafe. Nur sechs Tage später riss er im schwyzerischen Wangen gleich 14 Tiere. Damit ist er ein alter Bekannter, wie das Labor der Universität Lausanne herausfand. An den Wunden der Schafe wurde nämlich Speichel des Wolfes gefunden. Die darin enthaltenen Gene verglichen die Forscher mit Genmaterial aus der Milz des Schlieremer Wolfs.

Gestern gab die regierungsrätliche Kommunikationsabteilung das Resultat dieser wissenschaftlichen Analyse bekannt: Die Gene stimmen überein, der Wolf heisst M43, stammt aus dem sogenannten Calanda-Rudel bei Chur und hatte vier Geschwister. Sein Bruder wurde im Januar aufgefunden, er starb an einer Schussverletzung. Der Abschuss war illegal. Von den drei Schwestern fehlt jede Spur, wie die Nachrichtenagentur SDA gestern meldete.

Sie könnten aber überall sein: In jedem Revier hat es Platz für eine bestimmte Anzahl Wölfe, die Jungwölfe wandern freiwillig in alle Richtungen. «Das hängt auch vom Nahrungsangebot ab», sagt Urs Philipp von der Zürcher Jagdverwaltung. Wölfe werden im Alter von 20 bis 22 Monaten geschlechtsreif. Viele verlassen dann ihr Rudel. Im Calanda-Gebiet trennten sich die meisten Wölfe schon früher von ihrer Familie. Über die Gründe lässt sich aber nur spekulieren. Klar ist, dass die Wölfe in Kämpfen ausmachen, wer im Revier bleiben darf und wer nicht.

Wählte den richtigen Weg, sah aber den Zug zu spät: Der tote Schlieremer Wolf. key

Wählte den richtigen Weg, sah aber den Zug zu spät: Der tote Schlieremer Wolf. key

Die 2012 geborenen Calanda-Jungwölfe wanderten vor allem in Richtung Tessin und Wallis. Man habe annehmen müssen, dass irgendwann ein Wolf in eine komplett andere Richtung wandern würde, sagt Philipp. So zog es den 2013 geborenen M43 in Richtung Norden. «Auch zukünftig ist es möglich, dass wieder ein Wolf nach Norden wandert. Wölfe können überall auftreten», so Philipp. Das heisse aber nicht, dass sie auch überall leben können. «Die Zürcher Agglomeration ist definitiv kein Lebensraum für Wölfe, zumindest nicht zum jetzigen Zeitpunkt.» Zudem würden Jungtiere wie der Schlieremer Wolf noch nicht alle Gefahren kennen.

Gibt es auch 2015 einen Züri-Wolf?

Philipp erwartet, dass das Calanda-Rudel auch dieses Jahr Jungtiere hervorbringt. «Es ist gut möglich, dass eines davon im nächsten Jahr in Zürich auftaucht.»

So wandern Wölfe teilweise über 1500 Kilometer weit. Pro Nacht können sie über 60 Kilometer zurücklegen. Nicht derart vom Reisefieber gepackt sind die Weibchen. Seit der erstmaligen Rückkehr der Wölfe aus Italien im Jahre 1995 wurden erst 12 Weibchen aufgezeichnet. Die letzte entdeckte Schweizer Wölfin heisst dementsprechend F12. Bei den Männchen zählte man bereits 46 Exemplare. Der Schlieremer Wolf war der 43., daher sein Name. «Es ist eine biologische Tatsache, dass in allen Ländern, die die Wölfe neu besiedeln, viel mehr Männchen auftauchen», sagt Urs Philipp.

Seit M43 auf einem Schlieremer Bahngleis verendete, wurden der kantonalen Jagdverwaltung rund 20 Wolfssichtungen gemeldet. Ob es sich dabei tatsächlich um Wölfe handelt, konnte aber noch bei keiner der Meldungen bestätigt werden – denn dafür wären Nachweise nötig wie zum Beispiel Kotproben, die zweifelsfrei einem Wolf zugeschrieben werden können.

«Selbst wenn ich einen Wolf zu sichten glaube, zählt das noch nicht als fester Nachweis», sagt Philipp. Nur schon die Lichtverhältnisse und die Ähnlichkeiten zu Hunden erschweren eine klare Zuschreibung.

Der Wolf ist jetzt tiefgefroren

Was mit dem Schlieremer Wolfskadaver nun passiert, ist noch nicht klar. Momentan wird er tiefgefroren in Bern aufbewahrt. Später werde er zur Zürcher Jagdverwaltung zurückgeführt. «Wir müssen noch schauen, ob wir ihn teilweise präparieren wollen. Teile des Wolfes wie zum Beispiel einzelne Knochen könnten wir für die interne Ausbildung von Wildhütern weiterverwenden», erklärt Philipp.

Auf nationaler Ebene bemüht sich das Bundesamt für Umwelt (Bafu) darum, den Wildtieren wieder grösstmögliche Bewegungsfreiheit zu gewähren, damit sie den Gefahren erfolgreicher ausweichen können als der getötete Wolf M43. Beispielsweise können Wildtierpassagen über die Autobahnen gebaut werden. Derartige Übergänge kommen auch Rehen und Wildschweinen zugute. Laufend wird untersucht, ob die Wildtiere die bestehenden Passagen nutzen. Die Erkenntnisse daraus sollen in die Planung neuer Übergänge einfliessen. 303 Wildtierkorridore von überregionaler Bedeutung fasst das Bafu auf seiner Website zusammen. 51 davon sollen in den nächsten Jahren saniert werden.

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