Ich habe die Begrüssungsformel fest im Kopf, mit der ich meine nächsten Fahrer überraschen will: «Grüezi mitenand, wohi fahreder?» Doch dazu kommt es leider nicht. Obwohl im Kosovo derzeit mindestens jedes zehnte Auto Schweizer Nummernschilder hat, nimmt mich kein Aargauer, Basler, Berner, Solothurner, St. Galler oder Zürcher mit.

Dafür hält Naim an. Er lebt im Kosovo, hat aber einen Bruder, der in Olten zu Hause ist. Naim sagt: «Vor ein paar Wochen waren die Schweizer Autos noch viel dominanter. Doch im August ist die Konkurrenz durch die deutschen Schatzis grösser.» Schatzis nennen die Kosovaren ihre Landsleute, die ihr Geld in Westeuropa verdienen. 

In der Schweiz leben Schätzungen zufolge 200'000 Menschen mit Wurzeln im Kosovo. Und da der kleine Balkanstaat selbst nur 1,5 bis 2 Millionen Einwohner hat (genaue Zahlen gibt es nicht), ist die Schweizer Diaspora in den Sommermonaten unübersehbar. Im Juli und August verwandelt sich Kosovo zum 27. Kanton der Eidgenossenschaft.
Im Restaurant kann ich plötzlich Schweizerdeutsch sprechen, weil sich Api neben mich setzt. Er ist geschätzte 50 und arbeitet in Grenchen in einer Uhrenfabrik. Auf meine Frage, was die Kosovaren von der Schweiz halten, versichert er mir: «Die Menschen im Kosovo lieben die Schweiz. Denn ohne die Gelder aus der Schweiz und Deutschland ginge hier gar nichts.» Sagt es, bezahlt seine und meine Rechnung, und verabschiedet sich. 

Die vier Tage in Prizren, der schönsten Stadt Kosovos, geben Api recht: Ob Kebab-Verkäufer, Kellner, Taxi-Fahrer oder Autostöppler-Mitnehmer – alle haben nur warme Worte parat, wenn ich sage, dass ich aus der Schweiz komme. Und alle haben Verwandte oder zumindest Bekannte in der Schweiz. Zudem ist der Vortrag über erfolgreiches Unternehmertum, den ich besuche, von der Eidgenossenschaft mitfinanziert. Hinzu kommen die rund 200 Schweizer Kfor-Soldaten, die dafür sorgen sollen, dass die Spannungen zwischen (Kosovo-)Albanern und Serben nicht wieder ausbrechen. 

Damit wären wir bei einer weiteren Gemeinsamkeit zwischen der Schweiz und Kosovo: dem schwierigen Verhältnis zum grossen Nachbarn im Norden. Allerdings lassen sich die Schweizer Vorurteile gegenüber Deutschen nicht mit dem tief verwurzelten Hass vergleichen, der bei den Kosovo-Albanern hochkommt, wenn es um Serbien geht. Fast jeder hat im Krieg Freunde oder Verwandte verloren. Diese Wunden sind noch nicht einmal ansatzweise verheilt. Die Schweizer Kosovaren und die Schweizer Serben hätten die Chance, zu einem besseren Verhältnis zwischen den beiden Völkern beizutragen. Sie könnten aus erster Hand berichten, dass nicht alle Angehörigen der anderen Volksgruppe schlecht sind. Schliesslich spielen in der Schweiz viele Serben und Albaner in der gleichen Fussballmannschaft. Ich kenne in der Schweiz gar einen (albanischen) Bujar, der dem (serbischen) Zoran auf dem Feld «Bruder» zuruft. Und als ich mal mit Mirsad (Albaner) über Dalibor (Serbe) sprach, versicherte er mir: «Dä Dali isch scho en guete Typ.»

Wenn die Schweizer Albaner und Serben das auch auf dem Balkan herumerzählen würden, könnten sie ihrer alten Heimat mehr helfen als mit Geld. Es wäre gar unbezahlbar – und vielleicht ein erster ganz kleiner Schritt in Richtung Versöhnung.

* Thomas Schlittler war Wirtschaftsredaktor der «Nordwestschweiz» und hat gekündigt, um seinen langersehnten Traum zu verwirklichen: per Autostopp um die Welt.

Auf dem wunderschönen Koman-Stausee:  «Welcome to Albania»

Auf dem wunderschönen Koman-Stausee: «Welcome to Albania»