Olympische Spiele

Bandagierte Herzlichkeit

Rio de Janeiro, wie man die Stadt kennt - doch Diebstähle und Überfälle sind ein alltägliches Problem in der brasilianischen Grossstadt

Rio de Janeiro, wie man die Stadt kennt - doch Diebstähle und Überfälle sind ein alltägliches Problem in der brasilianischen Grossstadt

Glück im Unglück nennt man das dann wohl. Erst hatte ich Pech, dass es bei der Buchung der Hotels ein Missverständnis gab und ich zu Beginn der Olympischen Spiele ohne feste Bleibe war.

Dann durfte ich bei Patricia einziehen. Und habe damit die Anonymität der internationalen Hotelkette mit der brasilianischen Gastfreundschaft getauscht. 

Patricia wohnt in einem Condominio in Sichtweite des Olympiaparks. Hier in Barra leben die besser betuchten Einwohner Rio de Janeiros.

Meine Gastgeberin arbeitet für zwei Informatik-Unternehmen und verdient für hiesige Verhältnisse sicher nicht schlecht.

Ansonsten könnte sie sich diese Wohnung im zwölften und obersten Stock des Blocks, zu welchem auch noch Swimming-Pool, Sauna, Jacuzzi und Fitness-Raum gehören (Einrichtungen, die ich aus Zeitgründen leider nie benutzen kann), kaum leisten.

Am Wochenende war viel los in meiner temporären Bleibe. Die Schwester aus São Paulo mit ihren beiden kleinen Kindern samt Hund und die Eltern aus Petropolis (ebenfalls mit Hund) waren auf Besuch.

Das Zusammentreffen mit der Mutter ist eindrücklich. Sie bietet mir Kaffee an und redet in einem nicht enden wollenden Redeschwall portugiesisch mit mir.

Ich gebe ihr zu verstehen, dass ich dieser Sprache nicht mächtig bin. Wir verständigen uns mit Händen und Füssen.

Sie zeigt mir ihr einbandagiertes Bein. Die dazu passende Geschichte kapiere ich natürlich nicht. Ich kann nur hilflos lächelnd nicken. 

Als ich am Abend bei Patricia eintreffe, erzählt sie mir vom Schicksal ihrer Mutter. Sie wurde nach einem Besuch in der Bank im Auto sitzend von Räubern überfallen.

Als sie ihre Tasche mit dem abgehobenen Geld nicht loslassen wollte, schoss man ihr ins Bein. Es war ein Splittergeschoss.

Ein paar Wochen später musste man ihr nach einer Blutvergiftung den Unterschenkel amputieren. Sie zeigte mir also ihre Beinprothese.

Ich bin perplex und sprachlos.

Und denke sofort, dass wir uns glücklich schätzen können, in einem so sicheren Land wie der Schweiz zu wohnen.

Schön wäre es, wenn wir auch noch eine grosse Portion der brasilianischen Herzlichkeit besitzen würden. Sie würde uns bisweilen gut anstehen.

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