Schwarzfahrer
Zahl der Schwarzfahrer stabil – doch sie werden aggressiver

Nicht immer sorgen ertappte Schwarzfahrer beim Kontrolleur für ein Schmunzeln. «Wer diesen Job macht, muss ziemlich resistent sein», sagt René Kirchhoffer vom BVB-Streckendienst. Den Basler Verkehrsbetrieben entgehen jährlich 3 bis 4 Millionen Franken

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Keystone

Von allen ÖV-Unternehmen ist dasselbe zu hören. «In den letzten Jahren hat die Aggressivität massiv zugenommen», bestätigt TNW-Direktor Andreas Büttiker. Respektlosigkeit, verbale Schlagabtausche, aber auch Vandalismus und Littering. «Gestiegen ist zudem die Gewaltbereitschaft», merkt SBB-Sprecher Daniele Pallecchi an, «meist an Wochenenden, bei jungen Leuten mit einem gewissen Alkoholpegel.»

Die faulsten Ausreden der Schwarzfahrer

«Ich habe ein Billett gekauft, finde es aber nicht mehr.» - «Ich hatte keine Zeit, ein Billett zu kaufen.» Und: «Ich wusste nicht, dass hier 1. Klasse ist.» Oder natürlich: «Der Billettautomat war defekt.» Dies sind noch die gängigsten Ausreden, die Kontrolleure von Passagieren ohne gültigem Billett zu hören bekommen. Viele, die in S-Bahn, Tram oder Bus erwischt werden, ärgern sich. Einige derart, dass sie in die Tasten greifen und sich bei den ÖV-Unternehmen beschweren.

Dabei liessen Schwarzfahrer immer wieder ihre «Kreativität» aufblitzen, sagt Hansruedi Bieri, Chef der Autobus AG Liestal (AAGL). Beispiel gefällig? «Am Freitag habe ich bei einem Züchter Meerschweinchen geholt, aber ich habe halt an meine Tierli gedacht. Der Kontrolleur könnte Ihnen bestätigen, dass ich einen Karton mit Meerschweinchen dabei hatte.»

Müsterchen nennen kann auch Andreas Büttiker: «Mein Hund hat das Billett gefressen. Das ist der Klassiker», sagt der Direktor des Tarifverbunds Nordwestschweiz (TNW). «Aber das kann man natürlich nicht ernst nehmen.» Ebenfalls erfolglos blieb diese Beschwerde: «Mein Dackel ist nicht höher als 30 Zentimeter, hockt im Tram unter meinem Sessel und nimmt niemandem den Platz weg. Dennoch soll ich für ihn ein Billet lösen, während ein Kinderwagen gratis ist. Das ist doch einfach ungerecht.»

Eine wahre Bussenfalle kann die 1. Klasse sein. Ein SBB-Kunde hat es in einem Brief so umschrieben: «Gegenüber mir wahr gleich das erste Klasse-Abteil, das sich schlussendlich als eine teuflische Verführung herausstellte. Ich mit meiner Neugier konnte es nicht sein lassen. Das war ein fataler Fehler.» Und SBB-Sprecher Daniele Pallecchi hat gleich noch ein Müsterchen auf Lager: «Zone 10 berechtigt zur Fahrt in mindestens 10 Zonen.» Mit dieser Deutung des Zonentarifs versuchte ein deutscher Passagier seine Fahrt ohne gültiges Ticket zu rechtfertigen. Ebenfalls erfolglos.

Nicht einmal Vaterfreuden dürfen Kontrolleure erweichen lassen: «Infolge annähernder Vaterschaft (18. Juli) habe ich es versäumt, das Abo rechtzeitig zu zeigen.» Diese Erklärung hat ebenfalls nicht für einen Bussenerlass gereicht. Und wenn alles nichts nützt, sind Schwarzfahrer doch zumindest um einen Tipp nicht verlegen: «Von den 80 Franken, die Sie von mir erhalten werden, können sie gerne eine Brille oder Kontaktlinsen für den Kontrolleur finanzieren, da er schielt.»

Doch das sind noch immer Ausnahmen: Sorgen macht den ÖV-Unternehmen vielmehr die Zahl der Schwarzfahrer. Seit Jahren liegt die Quote der Beanstandungen bei 2 bis 3 Prozent. «Das lässt sich kaum weiter senken», kommentiert Kirchhoffer. «Der Aufwand ist irgendwann nicht mehr wirtschaftlich.» Bei jährlich über 200 Millionen Fahrgästen im TNW-Gebiet sind dies aber immerhin rund 5 Millionen Beanstandungen. «Das sind 3 bis 4 Millionen Franken, die uns so entgehen», sagt Büttiker. Im Vergleich zum Ausland sei dies aber noch wenig. So würden in französischen Städten 30 bis 50 Prozent Schwarzfahrten registriert, in Italien seien es sogar noch mehr.

In Basel hilft den BVB-Kontrolleuren eine spezielle Software, möglichst viele Passagiere ohne Billett zu erwischen. Die Kontrolleure protokollieren ihre Arbeit auf elektronischen Eingabegeräten. Dabei erfassen sie die exakte Tram- oder Buslinie, die Haltestelle und die Zahl der Schwarzfahrer. So seien einzelne Strecken definierbar, auf denen überdurchschnittlich viele Schwarzfahrer erwischt werden. «Ich sage aber nicht auf welchen, um nicht einzelne Quartiere anzuschwärzen», erklärt Kirchhoffer. «In gewissen Gebieten ist aber sicher ein höherer Kontrolldruck nötig.»

Generell seien Schwarzfahrer eher auf Kurzstrecken, also im innerstädtischen Bereich unterwegs. «Hinzu kommt das TNW-Nachtnetz», führt Büttiker aus. «Entsprechend wird hier öfter kontrolliert.» Etwas tiefer liegt die Quote in ländlichen Gebieten: «Bei uns sind es etwa 1,5 bis 2 Prozent», sagt Hansruedi Bieri von der Autobus AG Liestal. Und auch dies betonen die ÖV-Unternehmen: Die Kontrollen würden weder zum Spass gemacht, noch um zusätzlich Geld zu verdienen. «Die Kosten für die Kontrollen werden durch die Bussen nicht annähernd gedeckt», betont Büttiker. «Diese dienen aber vor allem der Prävention.» Im Allgemeinen werde die Kontrolltätigkeit von den Fahrgästen begrüsst, ergänzt Bieri, «mit Ausnahme der Kunden ohne Ticket». (db)