Busdrama im Wallis
«Wo war Gott?»: Wie die Walliser von 22 Kindern Abschied nehmen

Zwei Tage nach der Bus-Katastrophe im Autobahn-Tunnel in Sierre gedenken die Walliser den Opfern und nehmen Abschied von 22 Kindern und sechs Erwachsenen – mit Kerzenlicht für die Hoffnung.

Daniel Fuchs aus Siders
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Die Walliser nehmen Abschied der verstorbenen 22 Kinder und sechs Erwachsenen (Bilder: Keystone)
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Bischof Norbert Brunner beim Abschied in der Saint-Croix-Kirche
Zahlreiche Walliser sind gekommen um sich zu verabschieden

Die Walliser nehmen Abschied der verstorbenen 22 Kinder und sechs Erwachsenen (Bilder: Keystone)

Exakt 31 Kerzen reihen sich um eine grosse Kerze. Kinder und Erwachsene haben sie an der katholischen Messe in der Pfarreikirche «Sainte Croix» in Siders dorthin gestellt. An der Gedenkfeier an die 28 Todesopfer, die das Busunglück im Siders-Tunnel vom Dienstagabend forderte, nimmt das Wallis Abschied.

Bei der grossen Kerze handelt es sich um die Osterkerze. Ihre Flamme ist ein Symbol für die «Auferstehung Christi, das Symbol für die Hoffnung», wie der «Curie» der Pfarrei Siders Robert Zober an seiner Messe erklärt. 28 Kerzen sind für die 28 Toten, gedacht. Je eine ist den hospitalisierten Kindern, den Angehörigen und den zahlreichen Helfer, die den Kindern und Erwachsenen im Unglückstunnel zu Hilfe eilten, gewidmet.

Der zweite Abschied

Die Feier war denn auch in erster Linie für die Helfer und die Walliser Bevölkerung gedacht. Für den Abschied von 22 Kindern und ihren sechs Begleitern. Nur ein Tag, bevor ganz Belgien trauert.

Die Walliser kamen in Scharen: Die Sanitäter, die Feuerwehrleute, die Polizisten, die Staatsräte und Politiker, Jung und Alt. Nicht alle konnten sitzen, zu gross war der Andrang.

Sie nahmen bereits zum zweiten Mal Abschied, nachdem sie die belgischen und die holländischen Kinder bereits am Dienstagabend aus dem Val d'Anniviers verabschiedet hatten. Nicht für immer, wie sie bei deren fröhlicher Abreise noch glaubten.

Der Bischof des Bistums Sitten richtete als erster tröstende Worte an seine Gemeinde. Die Retter und Helfer hob er dabei hervor: Sie hätten einen «Akt der Nächstenliebe» vollbracht, so Brunner.

Vom Leiden in der Stille

Viele der Gäste brachten ihre eigenen Kinder mit. Es hatte Kinder im gleichen Alter wie die auf der Autobahn verstorbenen es waren. Eine Kinderzeichnung liegt beim Eingang. Sie droht, im Weihwasser zu versinken.

Unweigerlich stelle sich die Frage nach dem «Warum», sagte Pfarrer Robert Zober. «Doch lassen sich keine Antworten, keine Erklärungen für das Erlebte finden.» Es bleibe Unverständnis, das Leiden in der Stille. «Silence, silence» sang denn auch passend und schwermütig der Kirchenchor.

Wo war Gott?

Diese Frage dürften nicht nur viele Gläubige derzeit stellen. Auch Bischof Brunner nahm sie an der Messe auf. Er verwies, wie in der Kirche bei solchen Situationen üblich, auf eine Prüfung, welche Gott den Menschen auferlegt. Überlebende, Angehörige und Retter müssten diese Prüfung nun meistern.

Doch wusste Pfarrer Zober, dass Gott den Familien beisteht. Schliesslich habe auch Jesus am Kreuz gelitten.

Diesen Worten schloss sich schliesslich auch noch die evangelisch-reformierte Kirche an, als sie in der katholischen Messe ihre Botschaft verkünden durfte und den Familien «tiefste Anteilnahme» bekundete. «Gott sei der Herr über Leben und Tod. Möge er also den Familien und Helfern Trost und Kraft geben in dieser grossen Not», so ein reformierter Pfarrer, der in der Kirche «Sainte Croix» zu Gast war.

Gelöste Gesichter nach der Feier: Es ist, was nur das spirituelle Ambiente einer Kirche und die Worte der Geistlichkeit auszulösen vermögen. Die Trauernden können abschliessen. Das Leben muss weitergehen: im Wallis und bald auch in Belgien.